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Wenn Kinder den Preis der Integrationsdebatten zahlen müssen

20.10.2011   |   In: Gedanken zum Freitag

von: Saloua Mohammed

 

Kinder stellen die Zukunft einer Gesellschaft dar. Sie leben unbeschwert, sind unschuldig und bringen uns Erwachsenen immer wieder bei, wie man sich an den kleinsten Dingen des Lebens erfreuen kann. Eigentlich. Doch was geschieht mit Kindern, wenn sie auf einmal im theologischen, politischen oder gesellschaftlichen Fokus der Erwachsenen Rede und Antwort stehen müssen?
„ Tja, Fatima, bald wirst du auch von deinem Vater zur Heirat mit einem Bekannten gezwungen, so wie es in eurem Islam wohl ist. Nicht wahr?“. Wenn man mit solchen Aussagen, oder welchen die in diese Richtung gehen, vor der ganzen Klasse von einer Lehrkraft konfrontiert wird, ist es nicht nur extrem peinlich, sondern die Welt bricht für ein Kind zusammen. Immer wieder wird klar, dass die meisten Lehrkräfte noch nicht ausreichend sensibilisiert worden sind im Umgang mit Kindern, die zwar aus Migrantenfamilien kommen, jedoch den Status eines ganz normalen deutschen Bürgers haben. Ihnen wird das Gefühl vermittelt, dass sie im Nachteil sind, was natürlich jeder Realität widerspricht, denn sie sind sogar ihren deutsch-deutschen Mitschülern überlegen, da die meisten dieser Kinder bilingual aufwachsen. Doch das scheinen einige Lehrkräfte als Manko, gar als integrationserschwerend zu betrachten, und versuchen bei jeder Gelegenheit dem Kind zu zeigen, welche Handicaps es doch mit sich bringen würde. Dies wirkt sich negativ auf die Identität dieser Kinder aus, indem sie sich nicht mehr wohlfühlen, versuchen unsichtbar in der Klasse zu sein, oder sich gar für die Kultur und Religion der eigenen Eltern zu schämen.
 Es gibt natürlich auch Lehrkräfte, die sich intensiv mit diesen Kindern auseinandersetzen, versuchen sie und die Familienstrukturen zu verstehen, in denen sie aufwachsen, suchen intensive Gespräche mit den Eltern und fördern die jeweilige Identität dieser Kinder. Jedoch stellt diese Gruppe von Lehrkräften immer noch eine Mangelware auf dem Markt der Vorurteile, Diskriminierung und Verallgemeinerungen, von dem auch die Lehrerwelt nicht verschont blieb, dar. Auch erfahren solche Lehrkräfte nicht immer Unterstützung und Wertschätzung im eigenen Kollegium. Sie werden sogar als „Schwächlinge“ gesehen, da man der Meinung ist: „Wir sind hier in Deutschland, und hier wird deutsch gedacht, gesprochen und gehandelt!“. Doch wie steht es denn summa summarum um diese Kinder, die aus Migrantenfamilien stammen, bilingual aufwachsen, zwei Kulturen leben und erleben und sogar einer ganz anderen Religion angehören? Will man sie für die Ewigkeit auf ihr „Anderssein“ negativ aufmerksam machen, gar reduzieren?
 Es sind unsere Kinder. Die Kinder unserer Gesellschaft, die Rentenzahler in spe, die Träger der Gesellschaft und was noch viel wichtiger ist: Sie sind Kinder. Kinder, die nichts anderes machen sollten als spielen, lachen, sich an der Welt erfreuen. Denn jedes Kind hat es verdient geliebt, akzeptiert und gewertschätzt  zu werden. Dass wir als Erwachsene unsere Vorurteile, Integrationsdebatten, die bis jetzt zu nichts geführt haben, und sogar Verachtung auf diese zarten Schultern abwälzen, ist ein Armutszeugnis.
Warum machen wir es denn nicht wie die Kinder? In allem stets das Schöne und Gute sehen, und uns an den kleinen Dingen im Leben zu erfreuen.
 
Saloua Mohammed, ist Menschenrechtlerin und Friedensaktivistin. Sie setzt sich sowohl in Europa, als auch in Afrika für die Menschenrechte und Friedensarbeit, ein. Sie ist u.a. auch in Jugendorientierten und humanitären Organisationen und Netzwerken ehrenamtlich aktiv.