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„Ausgelöscht“ – Gedanke zum Freitag

02.10.2020   |   In: Gedanken zum Freitag

Der Gesandte Allahs – Segen und Frieden auf ihm – sagte:

„Wer von euch ein Übel sieht, soll es mit eigener Hand ändern, und wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge verändern, und wenn er dies nicht kann, dann mit seinem Herzen, und dies ist die schwächste Form des Glaubens.” (Überliefert bei Muslim)

Ich habe in den zurückliegenden Jahren viele Male bei muslimischen Hochschulgruppen zu verschiedenen Menschenrechtsthemen referiert, etwa zur Lage der Rohingya, zu Tschetschenien oder auch zur Situation der Uiguren. Letztere bezeichnete ich stets als die umfassendste, die absolute Unterdrückung und Entrechtung von Menschen, die derzeit auf der Welt existiert.

Vielfach erregte diese Charakterisierung Überraschung oder Unverständnis. Das liegt zum einen daran, dass die effektive Zensur des totalitären Systems, dem die Menschen in Ostturkestan („Xinjiang“) unterworfen sind verhinderte, dass Informationen über die Lage dort weite Verbreitung fanden und so vielerorts Unwissen darüber herrschte. Zum anderen liegt es aber auch daran, dass wir es gewohnt sind, die schwere von Verfolgung und Unterdrückung ausschließlich in physischen Dimensionen zu messen: Zahlen von Toten, Verletzten, Vertriebenen, Verhafteten.

Und in der Tat, auch wenn es in Ostturkestan immer wieder zu eskalierender Gewalt kommt, so etwa im Juli 2009, Uiguren in Gerichtsverfahren überproportional häufig die Todesstrafe erhalten, Tausende ins Ausland fliehen und bis zu eine Million in den „Umerziehungslagern“ der kommunistischen Partei interniert sind – gemessen an der Situation in Ländern wie Syrien, Afghanistan, Jemen oder dem Irak sind die Zahlen der Opfer vergleichsweise niedrig.

Die besonders entsetzliche Natur des Unrechts, welches den Uiguren und anderen Volksgruppen der Region wiederfährt ist aber eben nicht „nur“ eine körperliche. In Ostturkestan herrscht eine Totalität der Unterdrückung, die ohne Beispiel ist und in der das Repressionssystem der chinesischen kommunistischen Partei seine extremste Ausprägung erreicht hat. Nicht nur in den Internierungslagern sondern auch im alltäglichen Leben wird mittels massiver psychischer Gewalt Gehirnwäsche praktiziert. Die Menschen werden kollektiv wie auch individuell ihrer Identität beraubt.

Wesentlicher Bestandteil ist die Auslöschung der Religion als Bestandteil uigurischer Identität. Kindern und Jugendlichen ist die Teilnahme an Gottesdiensten in Moscheen grundsätzlich untersagt. Schülerinnen und Schüler werden durch Überwachung in den Schulen im Ramadan gezwungen zu essen. Kindern bestimmte „islamische“ Namen zu geben ist verboten. Beten, Fasten oder einen Bart zu tragen reichen mitunter aus, um in eines der Umerziehungslager deportiert zu werden. Dort herrschen Gewalt, Zwangsarbeit und allgegenwärtige Indoktrinierung, etwa durch Lautsprecher die pausenlos ideologische Parolen verkünden.

Auch die weltliche Kultur wird systematisch und planvoll zerstört. Historische Gebäude werden abgerissen, Friedhöfe eingeebnet; Straßen, Häuser und Hinterhöfe werden nach vorgegebenen Normen umgewandelt, um schließlich ein gleichförmiges, von jeder Identität und Individualität „gesäubertes“ Stadtbild zu ergeben. Die kommunistische Partei regiert bis in die Wohnungen hinein, mit Kampagnen, die die Menschen zwingen, Möbel und Einrichtungsgegenstände durch „moderne“, den Vorgaben entsprechende zu ersetzen.

Diese Liste ließe sich noch schier endlos fortsetzen, es soll hier aber nur noch ein Aspekt zur Sprache kommen. Einer, der zeigen soll, dass man sich irrt, wenn man glaubt, mit der massenweisen Deportation von bis zu einer Million Menschen in die Umerziehungslager sei der Gipfel des Schreckens erreicht. Die massenweise Zwangssterilisation von uigurischen und kasachischen Frauen stellt noch einmal eine neue Qualität des Grauens der Herrschaft der kommunistischen Partei dar. Laut einem Bericht, veröffentlicht im Juni dieses Jahr, sollten nach staatlichen Vorgaben in zwei Bezirken der Region bis zu einem Drittel der Frauen zwangssterilisiert werden.

Somit ist es trotz Abwesenheit von bewaffneten Kämpfen oder Massakern offenkundig, dass wir gegenwärtig in Ostturkestan einen Genozid erleben, weist doch die Völkermordkonvention der Vereinten Nationen die Verhinderung von Geburten ausdrücklich als eines der fünf Kriterien für Genozid aus. Nichts im Leben der Uiguren und anderer Menschen in Ostturkestan ist sicher, kein Ort bietet Schutz. Nicht einmal in der eigenen Wohnung ist man frei. Nicht einmal im eigenen Körper. Die Totalität der Unterdrückung erfasst und durchdringt jeden Bereich des Lebens, jede Facette der Existenz. Das Unrechtssystem der chinesischen kommunistischen Partei ist eine gigantische Mühle in der Menschen zermahlen werden bis nichts mehr von ihnen übrig ist.

So weit, so schrecklich. Doch was tun –  auch im Angesicht der Anweisung des Gottgesandten, Allahs Segen und Frieden auf ihm am Anfang dieses Textes?

Ostturkestan insgesamt ist ein riesiges Gefängnis, nur selten und nur unter größten Schwierigkeiten ist es möglich, zu den Betroffenen vor Ort zu gelangen. Direkte Hilfe, die Hilfe der Hand, ist kaum möglich. Wenn wir also mehr tun wollen, als still in unserem Inneren mit zu leiden und uns über das Unrecht zu erzürnen, bleibt uns der mittlere Weg, der Widerstand der Zunge. Es gibt viele Menschen, die die Stimme erheben gegen dieses Unrecht. Aber noch nicht annähernd genug.

Jeder und jede von uns ist berufen, sich an jedem Ort, bei jeder Gelegenheit, über jedes Medium zu beteiligen. Die Regierungen mehrheitlich muslimischer Länder hüllen sich im Angesicht dieses erschütternden Unrechts mit wenigen Ausnahmen kollektiv in beschämendes Schweigen oder unterstützen schlimmer noch etwa in den Vereinten Nationen lautstark die Maßnahmen.
Hier in Deutschland müssen wir unsere Moscheen, Gemeinden und Vereine an einem höheren Maßstab messen. Aufrechtes Aussprechen kann Angriffe nach sich ziehen, das haben selbst Prominente wie Mesut Özil erfahren. Dennoch ist unsere Sicherheit in Deutschland eine Verantwortung. Andere mögen Schweigen, wir dürfen es nicht.

Anfang August haben über 70 christliche, jüdische, muslimische, buddhistische und humanistische Geistliche, Gelehrte und Aktivisten in einem Brief ein Ende der Menschenrechtsverletzungen gefordert.

Gerne weise ich an dieser Stelle auch noch einmal auf die unendlich wertvolle Kampagne unserer Freundinnen und Freunde aus der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD) hin: https://neveragainrightnow.com/

Gerade in Deutschland gibt es auch eine Möglichkeit, Betroffene zu unterstützen und ihnen vor allem auch eine Plattform zu bieten, um selbst gehört zu werden: wir haben vor allem in München eine starke uigurische Exilgemeinde und mit dem Weltkongress der Uiguren auch einen Standort ihrer wichtigsten Organisation.
https://www.uyghurcongress.org/de/

Als Anregung besonders für die derzeitigen Studierenden: eine konkrete Möglichkeit zu handeln ist beispielsweise die kritische Auseinandersetzung mit den „Konfuzius-Instituten“, die an vielen deutschen Hochschulen angegliedert sind und im Sinne der kommunistischen Führung agieren.

Es ist schon ein langer Text geworden, aber es ist auch ein Thema zu dem es viel zu sagen gibt.

Daher nur noch ein Hinweis zum Abschluss: wir dürfen bei unserem Einsatz nie den Blick über den Tellerrand vergessen. Auch wenn die Überwachung und Unterdrückung in Ostturkestan ihre schrecklichste Vervollkommnung erreicht hat, ist sie immer noch Teil eines größeren Systems. Sie existiert auch in Tibet, in Hong Kong und anderswo, sie betrifft Christen, Muslime, Buddhisten, Falun Dafa, Dissidenten, Bürgerrechtler und viele andere mehr. Menschenrechte sind unteilbar und jeder glaubwürdige Einsatz gegen Unrecht muss das Ziel verfolgen, die Lage für alle Menschen zu verbessern und nicht nur für einen Teil.

In diesem Sinne wünscht Euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.