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„Dem Hass begegnen“ – Gedanke zum Freitag

Von: Kaan Orhon
06.11.2020   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

„Dem Hass begegnen“ – Gedanke zum Freitag

„Schon wurde aus ihren Mündern Hass offenkundig, aber was ihre Brüste verborgen halten, ist (noch) schwerwiegender.“ ((Al-i-IImran:118))

Es sind finstere Tage, in denen wir uns befinden. Neben der sich immer weiter verschärfenden Pandemie haben uns in den letzten Wochen wieder abscheuliche Akte von Terror und Mord erschüttert. In Dresden, Paris, Nizza, Wien und auch in Kabul haben sich wieder Menschen im Namen unserer Religion, unseres Propheten – Allahs Segen und Frieden auf ihm – und im Namen von uns allen, als Angehörige der „Ummah“ auf die sie sich berufen, mit dem Blut unserer Mitmenschen besudelt.

Jeder der Akte war unmenschlich und barbarisch, bestimmte Facetten ragen in ihrer abartigen Bösartigkeit jedoch so heraus, dass sie schier das geistige und emotionale Fassungsvermögen sprengen. Jedenfalls geht es mir so.

Eine schutzlose ältere Dame wird beim Beten in ihrer Kirche ermordet, es wird versucht, ihr den Kopf abzutrennen. Das Bild ist von erstickender, qualvoller Grausamkeit, und ich bekomme es nicht aus meinem Kopf.

Es geht mir so wie mit einem anderen Terrorakt vor vielen Jahren, als auch in Frankreich ein anderer junger Mann im Namen des Islam eine Serie von Morden begeht, darunter an drei Kindern – 8, 5 und 3 Jahre alt. Die Schilderung wie er ein kleines Mädchen an den Haaren hält, während er seine Waffe wechselt, weil die erste Ladehemmung hat, und ihr dann in den Kopf schießt, verfolgt mich bis heute unablässig.

Es erscheint als eine geradezu bewusste, vorsätzliche Pervertierung jener Werte des Islam, die wir gerne hochhalten. Die Unverletzlichkeit von Gotteshäusern und der Religionsausübung… der Respekt und die Ehrerbietung gegenüber den Älteren und der Schutz der Jüngsten… die Aufrechterhaltung der Humanität selbst im Krieg und so weiter und so fort.

Und dennoch fällt es den Tätern nie schwer, ihre Taten zu begründen und – was besonders ekelerregend ist – in das Gewand der religiösen Rechtschaffenheit, der Verteidigung des Islam zu hüllen. Der Mörder des Lehrers Samuel Paty nahm für sich in Anspruch, den Propheten – Allahs Segen und Frieden auf ihm – zu „verteidigen“ gegen Karikaturen, die in einer Schulklasse gezeigt wurden. Und nicht wenige Menschen, die sich Muslime nennen, gestanden ihm dies zu, äußerten Verständnis, ja Bewunderung für den Mörder.

2012 rechtfertigte der Kindermörder Mohammed Merah seine Verbrechen mit dem Verbot des Nikab in Frankreich und damit, dass „die Juden“ in Palästina „unsere Brüder töten“.

Die Wahrheit ist, dass sie perverse Verbrecher waren, die um des Tötens willen töteten und um des Hassens willen hassten. Hass auf alle Menschen, die anders denken, glauben und leben, Muslime explizit eingeschlossen.

Keine Rechtfertigung für die Morde

Die Propaganda der Terroristen des sogenannten islamischen Staates ist insofern zumindest ehrlicher als seine Fußsoldaten wenn sie in einem Artikel mit dem Titel „Warum wir euch hassen und warum wir euch bekämpfen“ schreibt: „Wir hassen euch vor allem anderen für euren Unglauben“. An zweiter Stelle heißt es „Wir hassen euch für eure säkularen, liberalen Gesellschaften“. Weiter wird ausgeführt, dass auch wenn „die Ungläubigen“ aufhören würden „die Muslime zu bekämpfen“ würde man selbst niemals aufhören.

Es ist wichtig, dies immer klar vor Augen zu haben. Zu allererst wir als Muslime. Denn wenn die Mörder ihre Taten in ihren Instagram-Videos oder dergleichen rechtfertigen mit dem Propheten (s) oder mit Palästina lassen wir uns zu oft hinreißen, diese Rationalisierung zu akzeptieren. Die Methoden widern uns an, aber die Gründe erscheinen uns nachvollziehbar. Auch uns verletzen Verunglimpfungen des Propheten (s). Auch uns entrüstet das Unrecht in vielen Teilen der Welt. Aber darum geht es den Mördern nicht.

Auch wenn vielleicht der eine oder andere Täter die Gründe wirklich glaubt, die er hersagt – die Organisationen, die Netzwerke, die Weltanschauung, in die sie eingebunden sind und zu der sie sich bekennen, predigen Hass um des Hasses willen.

Darum ist es auch so problematisch, wenn teilweise etwa in Verurteilungen des Mordes an Samuel Paty Passagen auftauchen, die sinngemäß aussagen, die Tat sei schrecklich und verurteilenswert und „man müsste gegen die Karikaturen anders vorgehen“.

Denn damit akzeptiert man bereits den Anspruch des Mörders, seine Tat als Reaktion auf die Karikaturen und somit als „Verteidigung des Propheten (s)“ verstanden zu wissen. Sie sind aber in Wahrheit Teil eines viel größeren und umfassenderen Krieges gegen Andersdenkende.

Wir müssen Menschen vor dieser Ideologie schützen

Dafür darf es niemals Verständnis oder Toleranz geben und dieses Bewusstsein muss unsere Auseinandersetzung mit dieser Ideologie bestimmen. Natürlich können und müssen wir versuchen, möglichst viele der vor allem jungen Menschen, die in diese abgleiten, zu erreichen und wieder zurück zu holen in unsere Gesellschaft. Viele Menschen, muslimische wie nichtmuslimische, setzen sich in einer großen Zahl von Projekten und Hilfsangeboten dafür ein.

Gleichzeitig müssen wir aber genauso deutlich ihre Ansprüche, im Namen des Islam und der muslimischen Gemeinschaft zu handeln, unablässig und deutlich zurückweisen.

Dass dies nötig ist, zeigen eben die fehlgeleiteten Solidaritäts- und Zustimmungsbezeugungen für den Mörder von Paris wie auch vor Jahren für den Kindermörder von Toulouse. Natürlich waren es jeweils nur kleine Minderheiten, die so handelten. Aber jeder und jede von ihnen ist einer zu viel.

Besser noch als verurteilen ist natürlich proaktiv selbst Positives beitragen, wie es im Qur’an heißt, das Schlechte mit dem Besseren abwehren. Damit werde ich mich so Gott will im Text der kommenden Woche beschäftigen. Für heute soll unsere Positionierung im Angesicht dieser Verbrechen für sich stehen.

Der Rat muslimischer Studierender und Akademiker drückt den Hinterbliebenen der Ermordeten und den Verletzten der terroristischen Anschläge von Dresden, Paris, Nizza, Wien und Kabul sein tiefempfundenes Mitgefühl aus und erneuert sein Bekenntnis zum Kampf gegen die Ideologie, aus der sie entstanden.