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"Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht versteht"

Von: Kaan Orhon
21.03.2014   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Der 4. Kalif der Muslime ʿAlī ibn Abī Tālib (möge Allah Wohlgefallen an ihm haben) sagte:

"Der Mensch ist Feind dessen, was er nicht versteht."

Islamophobie ist ein Wort dem man laufend begegnet. Gesellschaftlich engagierte Muslime wie Nichtmuslime warnen davor, Islamfeinde wettern gegen den Begriff, den sie als „Moralkeule“ verteufeln, der angeblich genutzt werde, um ihre Meinungsfreiheit zu beschneiden. Islamophobie gäbe es gar nicht, es sei eine Erfindung von „Islamisten“ und „linken Gutmenschen“ um Kritiker mundtot zu machen.

Die Wahrheit ist, es gibt natürlich Islamophobie, aber sie ist nicht dass, was die meisten Menschen darunter verstehen; der Begriff wird häufig unpassend verwendet und dadurch ihre Bekämpfung erschwert.

Von Islamophobie wird in der Öffentlichkeit gesprochen, wenn sich jemand Islamfeindlich äußert oder physisch Muslime oder Moscheen angreift. Doch die sichtbaren Vordenker und Vorredner der Islamfeindlichkeit in Deutschland - die alten und neuen Rechtsparteien, Betreiber von Hassblogs wie politically incorrect oder „grüne Pest“, Anti-Deutsche „linke“ Rassisten oder die islamfeindlichen Pseudofeministinnen von FEMEN – sind eben nicht islamophob im eigentlichen Sinne des Wortes.

Phobie bezeichnet „eine sich zwanghaft aufdrängende Angstvorstellung“, Islamophobie also eine (zwanghafte Angst) vor dem Islam. Doch eine solche Angst ist bei den hier aufgezählten und anderen Verhetzern eben nicht gegeben. Die islamfeindlichen Meinungsmacher, die sich nach der Devise „kenne deinen Feind“ laufend mit dem Islam, mit muslimischen Organisationen, Vereinen und Gemeinden in unserem Land beschäftigen, wissen natürlich, dass die überwältigende Mehrheit der Muslime in keiner Weise „gefährlich“ oder „radikal“ sind, sie wissen, dass die Muslime nicht durch einen „Geburten- Jihad“ binnen Kurzem die Bevölkerungsmehrheit stellen, sie wissen, dass die Statistiken a la „1-2 Ehrenmorde im Monat“ die durch ihre Medien geistern, gefälscht sind (in der Regel von ihnen selbst). Sie hassen und bekämpfen Muslime aus freiem Entschluss, aus politischem Kalkül oder aus welchen Gründen auch immer, aber nicht aus Angst.

Aber wie gesagt, es gibt diese unbegründete, zwanghaft Angst vor dem Islam und Muslimen durchaus. Es gibt sie abseits von politischen Hasspredigern bei Menschen aus der nichtmuslimischen Mehrheitsgesellschaft, die den Islam nicht kennen, außer durch mediale Darstellung, die keinen Kontakt zu Muslimen haben. Bei ihnen formen die Bestrebungen der organisierten Islamhasser Feindbilder und sie werden zur Grundlage für deren andauernde gesellschaftliche und mediale Präsenz. Im Sinne des Eingangszitates wird eine große Zahl von Menschen zu unseren Feinden gemacht, basierend auf Unkenntnis und Unwissen.

Die gemeinsame Gegenwehr von Muslimen und Nichtmuslimen gegen antimuslimische Hetze muss organisiert auf allen Ebenen der Gesellschaft erfolgen. Eine effektive Medien- und Öffentlichkeitsarbeit muss den projizierten Zerrbildern muslimischen Lebens in Deutschland entgegenwirken, politische Lobbyarbeit muss zum Schutz vor gesetzlicher Diskriminierung betrieben werden und gegen die Angriffe islamfeindlicher Akteure müssen die zur Verfügung stehenden rechtlichen Mittel voll ausgeschöpft werden.

Aber daneben muss es eine Anstrengung geben, die echte Islamophobie vieler Menschen heilen zu helfen. Und dabei sind nicht in erster Linie Organisationen und Vereine gefragt, sondern Menschen, jeder einzelne von uns.

Es ist lobenswert, wenn man Unwissen, Misstrauen und Furcht durch Informationsveranstaltungen und –stände beizukommen sucht. Noch wichtiger und effektiver aber ist der Kontakt mit den Menschen, denen man im alltäglichen Leben begegnet. Wenn schon Angst und Vorurteile vorhanden sind, sind viele Menschen vielleicht nicht mehr zugänglich für die engagierte Gruppe, die am Infostand in der Fußgängerzone steht; die innere Mauer ist schon zu hoch um sie zu überwinden.
Wohl aber sind sie zugänglich für ein freundliches Wort des Nachbarn im Hausflur, die spontan angebotene Hilfe beim Einkäufe tragen etc. In diesem Umfeld stößt man weniger auf eine Abwehrhaltung, und auch, wenn man seinen Islam nicht schriftlich auf Transparent oder Infoblatt ausweißt, sondern in unausgesprochen durch seine Taten wirken lässt.

Noch einmal zum Eingangszitat zurück: es ist weitaus leichter, der Feind eines Fremden zu sein, als der eines Nachbarn, eines Freundes, eines Kollegen. Man kann leichter der Feind eines Menschen sein, der einem den Islam in der Fußgängerzone erklären will, auch wenn dieser den besten Charakter und die reinste Absicht hat, als der Nachbarin, die das eigene Kind mit zur Schule bringt, den Mitspieler beim Fußball oder den Arbeitskollegen. In diesem Rahmen können geistige Mauern eingerissen und Gräben überwunden werden, lernen Menschen einander verstehen, kennen und irgendwann schätzen.

Nicht umsonst wird im Islam überaus großer Wert auf die Rechte von und die Beziehung zu Nachbarn gelegt, nicht umsonst lebte der Prophet – Allahs Segen und Frieden auf ihm – dies vor und erwies auch jenen Nachbarn Gutes, von denen er es nicht zurück erwarten konnte.

Und nicht zuletzt sollte angemerkt werden, dass das Kennenlernen und Vorurteile überwinden ein gegenseitiger Prozess ist. Muslime sind in gleichem Maße anfällig dafür, Feinde zu werden von dem, was wir nicht kennen, wie alle Menschen, und auch wir verbessern und selbst und profitieren, wenn wir uns unseren Mitmenschen zuwenden und lernen, sie zu verstehen.

Möge Allah der Erbarmer uns helfen, unserer Verantwortung als Angehörige der Ummah Muhammads (s) gerecht zu werden, den Menschen die wahre Natur Seiner vollkommenen Religion zu zeigen und vorzuleben, und möge Er uns helfen, so zu leben, dass aus unseren Feinden Freunde werden, oder Brüder.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

 

Kaan Orhon ist RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen