Tag der offenen Moschee

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"Die Moschee sind wir"

Von: Kaan Orhon
08.01.2016   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Gedanke zum Freitag:
Heute von Kaan Orhon, RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen

Der Gesandte Allahs - Segen und Frieden auf ihm – sagte:

„Wer eine Moschee errichtet, dem errichtet Allah ein gleiches (Haus) im Paradies.“
(Muslim)

Zu den wichtigsten Punkten im umfangreichen Kanon von Dummheit und Menschenverachtung den Pegida & Co. hinsichtlich des Islam und der Muslime in Deutschland pflegen, ist die Behauptung, es würden „zu viele“ und „zu große“ Moscheen gebaut. Die visuelle Manifestation der beschrienen Islamisierung. Diese Aussagen sind immer Mist, besonders zynisch erscheinen sie aber immer am Freitag wenn sich Land auf, Land ab Muslime in völlig überfüllte Moscheen zu zwängen versuchen, um ihr Gebet gemeinsam verrichten zu können. Auch bei noch so großer Rücksicht untereinander und bei der bestmöglichen Ausnutzung des vorhandenen Platzes bleibt am Ende einigen Anwesenden nichts übrig, als ihr Gebet im Türbereich zwischen den Schuhen, Schirmen und Taschen zu verrichten. Eine würdelose und spirituell wenig erhebende Erfahrung.

Von der Frage der Sicherheit mal ganz abgesehen, der Teil der Moscheen, in denen sich an Freitag und Festtagen um ein Vielfaches mehr Menschen einfinden als zulässig, dürfte erheblich sein.
Der Frauenbereich wird oft genug mit einer gewissen Selbstverständigkeit am Freitag den Frauen verschlossen. Der als Begründung vorgebrachte Hinweis auf die Verpflichtung des Freitagsgebetes für Männer gegenüber der Freiwilligkeit für Frauen mag rational nachzuvollziehen sein, schön ist es nicht und es steht dem Prinzip, dass es Frauen, die es wünschen, nicht verwehrt werden soll, in der Moschee zu beten, entgegen. So kann denn aus der Sicht der muslimischen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes – und nicht nur dieser – keinen Zweifel geben, dass es noch mehr und größere Moscheen braucht, so viele und so große zumindest, dass alle, die das wünschen, ihren Glauben auf eine zumindest einigermaßen würdige und sichere Art leben können.

Aber Moscheen und Moscheegemeinden müssen in mehr als nur materieller Hinsicht gebaut werden. Nicht nur Quantität sondern auch Qualität ist wichtig, und das bedeutet, die Moschee muss mehr als ein Gebäude sein und die Gemeinde mehr als eine Gruppe von Menschen, die hin und wieder zum Gebet zusammenkommt. Wir müssen und gemeinsam für „unsere“ Moschee und Gemeinde verantwortlich fühlen. Missstände müssen gesehen, angesprochen und schließlich beseitigt werden.
Frauen, um nur ein Beispiel zu nennen, haben in Moscheen mitunter noch mit weitaus mehr Problemen zu kämpfen als nur Überfüllung am Freitag. Gleichwertige Räumlichkeiten und gleiche Mitsprache in der gemeinsamen Gemeinde müssen Realität und Selbstverständlichkeit werden, überall.
Hilfe, auch über die aktuelle Situation der Ankunft einer großen Zahl Geflüchteter und Offenheit über den Tag der offenen Moschee hinaus müssen Vision sein; Nachhaltigkeit, Energie sparen, Müll vermeiden müssen Ziele sein. Jede Moschee muss für ihre Umgebung, muslimisch aber idealer weise auch nichtmuslimisch, ein Ausgangspunkt von Gutem sein.

Manchem liegt sicher die Frage auf der Zunge – was sollen die Moscheen noch alles leisten?
Viele Moscheen haben kein Geld, mit dem sie „um sich werfen“ können sondern bestreiten durch die Spenden der Gemeinde soeben die laufenden Ausgaben. Jeder neue Teppichboden, jede Sanierung der Waschungsräume benötigt eine separate Sammlung. Und trotzdem leisten viele Moscheen in Deutschland schon viel von dem Angesprochenen.
Die Moschee ist eines der wichtigsten, wenn nicht das wichtigste Feld ehrenamtlicher Arbeit für Muslime aller Altersklassen, Geschlechter und sozialen Schichten. Ein enormer Einsatz der nicht nur von der Mehrheitsgesellschaft sondern auch unter den Muslimen oft wenig wahrgenommen wird.

Und dennoch, mehr ist möglich. Wir alle sind gefragt. Denn wie in anderen Bereichen auch ist die Moschee etwas, wo man nicht nur hingehen kann mit Erwartungen und Forderungen, sondern mit Ideen und Lösungen. Die Moschee ist nicht der Vorstand, der Vorbeter und die Leute, die nach dem Gebet die Spendendose halten. Die Moschee sind alle, die sie aufsuchen, die dort beten, die im Ramadan dort essen, die dort Unterrichte besuchen. Die Moschee sind wir. An die Stelle von „Kann die Moschee nicht noch ein Bildungsangebot machen?“ muss „Können wir nicht noch was in Sachen Bildung machen?“ treten.

Dies alles hier schreiben heißt vielleicht den Bekehrten predigen. Aktivität in der Hochschularbeit ist ja meist schon die zweite Stufe, nach dem Engagement in der Moschee. Aber wenn wir nachdenken kommt wohl mancher von uns auf Freunde, Familienmitgliede, Kommilitonen, Kollegen etc., die keine übermäßig starke Bindung zur Moschee haben und auch auf interessierte Nichtmuslime.
Laden wir diese dorthin ein, nehmen wir Menschen mit. Das ist der erste Schritt beim Bauen der Moschee.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.