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Die Würde des Menschen gilt ausnahmslos – Gedanke zum Freitag

Von: Kaan Orhon, RAMSA-Präsident
09.10.2020   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Die Würde des Menschen gilt ausnahmslos – Gedanke zum Freitag

Der Kalif Ali ibn Abi Talib – möge Allah Wohlgefallen an ihm haben – sagte:

„Ein armer Mann ist ein Fremder in seinem eigenen Land.“

Die Gedanken zum Freitag erscheinen mittlerweile schon seit vielen Jahren, mal mehr mal weniger regelmäßig; meist von mir aber über die Jahre auch von einer ganzen Reihe weiterer Autorinnen und Autoren.
Ich schrieb es vor einiger Zeit schon einmal in einem anderen Text dieser Reihe in ähnlicher Form: es ist nur natürlich, dass sich bestimmte Themen wiederholen. Themen die mit bestimmten Ereignissen zusammenhängen, bestimmten Daten wie Gedenktagen oder auch dem Jahreswechsel. Andere Themen sind immer wieder Gegenstand der Betrachtung, weil sie mich oder auch jemand anderen aus dem Kreis der Beitragenden über viele Jahre anhaltend beschäftigen.

Daran ist nichts auszusetzen, im Gegenteil, eine ernstzunehmende Auseinandersetzung mit einem Thema sollte keine einmalige Übung sein, etwa weil das Thema gerade in aller Munde ist, sondern sollte gerade das Augenmerk der Leserinnen und Leser auch dann darauf lenken, wenn es weitgehend vergessen oder zumindest in den Hintergrund getreten ist. Allerdings sollte man auch und gerade im Umgang mit einem anhaltend relevanten Thema sich selbst und die eigene Auseinandersetzung damit immer wieder neu und kritisch reflektieren. Sonst besteht das Risiko, dass das Beschäftigen mit der Thematik zu einem Ritual verfällt, das man pflichtschuldig immer wieder aus der Schublade holt, wenn es „wieder diese Zeit ist“.

Die Würde und die Sicherheit wohnungsloser Menschen muss geschützt werden

Ein solches Thema, das beim eigenen Lesen alter „Freitagsgedanken“ immer wiederkehrt, ist das Schicksal wohnungsloser Menschen in unserer Gesellschaft. Über etliche Jahre taucht es, zuverlässig jeweils zwischen November und Februar, als Gegenstand eines Textes auf. Daran ist für sich nichts auszusetzen. Schließlich erfrieren jedes Jahr Menschen auf den Straßen unseres Landes, während die meisten von uns es warm haben.

Doch wenn sich Anteilnahme und Beschäftigung darin erschöpft, erstarrt sie zu einer Maske und verliert mit jedem Mal mehr an Gehalt. Das Leben auf der Straße beziehungsweise ohne eigenes Heim ist auch ohne Winterkälte unendlich schwer. Wohnungslose Menschen sterben oft früh, und das nicht nur aufgrund gesundheitlicher Probleme und schlechter Versorgung.

Menschen die auf der Straße leben gehören beispielsweise seit jeher zu den häufigsten Opfern rechtsextremer Gewalt, ohne das viele Menschen überhaupt Notiz davon nehmen. Am 09. August jährte sich der Mord an dem Wohnungslosen Dieter Manzke. 2001 wurde der 61-jährige im brandenburgischen Ort Dahlewitz von fünf rechtsextremen Jugendlichen über Stunden auf grausamste Art zu Tode gequält. Und diese Tat war auch eben gerade kein ungewöhnlicher Einzelfall. Denn in Brandenburg ist jedes zweite Todesopfer rechter Gewalt ein Wohnungsloser. Von den Tätern als „Penner“, „Suffis“ oder „Asoziale“ entmenschlicht, gehören sie zu den klar definierten Opfergruppen, für die in der Weltsicht der Täter in dieser Gesellschaft kein Platz ist. Sie sind wie es im Nationalsozialismus hieß „lebensunwertes Leben“, bis heute.

Jährliche Gedenktage, Veranstaltungen oder Mahnmale für diese Opfergruppe sucht man dabei in der Regel vergeblich; um ein Schlagwort des aktuellen gesellschaftlichen Diskurses aufzugreifen, ihre Leben zählen offensichtlich für Viele nicht. Und der Geist hinter solchen Verbrechen ist auch nicht auf das Schreckbild des glatzköpfigen Neonazis in den neuen Bundesländern beschränkt, auch wenn er in dieser Form in der Vergangenheit am extremsten und mit den schrecklichsten Konsequenzen zu Tage getreten ist.

Es beginnt weit früher, in der sogenannten „Mitte der Gesellschaft“.

Es beginnt mit vermeintlichen Späßen, in denen obdachlose Menschen zur Belustigung anderer in medialen Inszenierungen lächerlich gemacht werden. Von den sogenannten „Bum Fights“-Videos, in denen vor fast 20 Jahren auf der Straße lebenden Männern Geld und Alkohol angeboten wurde, damit sie aufeinander einschlagen oder gefährliche und selbstverletzende „Kunststücke“ vorführen bis hin zur gegenwärtigen widerwärtigen Internetkultur der „Pranks“, in denen etwa einem obdachlosen Mann mit Zahnpasta gefüllte Kekse als vermeintliches Geschenk angedreht werden und man ihn dann filmt, während er sich übergibt um es auf den eigenen YouTube-Kanal hochzuladen. In beiden genannten Fällen haben die jeweiligen Täter mit der öffentlichen Entwürdigung ihrer Mitmenschen auch noch nicht unerhebliche Geldsummen verdient.

Menschenfeindlichkeit jeglicher Art muss bekämpft werden

Diskriminierung, gesellschaftliche Ausgrenzung und Menschenfeindlichkeit haben viele Facetten. Es ist naheliegend, dass wir uns vor allem mit denjenigen auseinander setzen, unter denen wir selbst oder Menschen die uns nahe stehen, zu leiden haben. Im zurückliegenden Monat Juli haben wir das Gedenken an den Völkermord in Bosnien, spezifisch in Srebrenica und den Tag gegen Antimuslimischen Rassismus am Jahrestag der Ermordung Marwa El-Sherbinis begangen. Als Muslime erkennen wir uns leicht in diesen Opfern wieder und die reale Bedrohung, dass auch wir Opfer des hinter diesen Verbrechen stehenden Gedankengutes werden können, motiviert uns, es zu bekämpfen.

Aber eigentlich sollte unser Anspruch ein wesentlich universellerer sein. Als Muslime und als Bürger dieses Landes sollte es unser Ziel sein, so gut es uns möglich ist auf eine Gesellschaft hinzuarbeiten, die allen Menschen ein Leben mindestens in Sicherheit, Würde und Freiheit ermöglicht. ‚Die Würde des Menschen ist unantastbar‘ heißt es im Grundgesetz und weiter: ‚Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt‘. Aber es ist ebenso die Verpflichtung jeder und jedes Einzelnen von uns.

In diesem Sinne wünscht Euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.