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"Sicherheit"

Von: Kaan Orhon
29.08.2015   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Gedanke zum Freitag: Heute von Kaan Orhon, RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der ungefähren Übersetzung:

„Allah prägt das Gleichnis einer Stadt, die Sicherheit und Ruhe genoß; ihre Versorgung kam zu ihr reichlich von überall her. Da wurde sie gegenüber den Gnaden Allahs undankbar. So ließ sie Allah das Kleid des Hungers und der Angst erleiden für das, was sie machten.“ ((an-Nahl:112))

Die Schlagzeilen und die sozialen Netzwerke sind voll von Nachrichten über die menschliche Katastrophe die sich in diesen Tagen in Europa und an seinen Grenzen abspielt. Die Flüchtlinge die sich zu hunderttausenden auf den Weg nach Europa machen, die auf dem Mittelmeer umkommen, in den Lagern auf Lampedusa und Kos vor sich hin vegetieren während sie verzweifelt auf die Weiterreise warten und schließlich jene, die es schaffen bis an ihr Ziel, unter anderem nach Deutschland und dann in unserem Land, dem grauen des Krieges entkommen, vor brennenden Gebäuden stehen und vor Menschen, die ihnen ihre Ablehnung entgegen schreien. Die, die die Flammen ihrer Heimatstädte und den Hass des Krieges verlassen haben, finden hier neue Flammen und neuen Hass.

Freilich ist das nur ein Teil der Wahrheit, dagegen steht die überwältigende Bereitschaft von Menschen, viele von ihnen schon in vielen anderen Feldern engagiert, zu helfen. Von den zahllosen Spendern über jene die sich als Betreuer, Übersetzer oder anderweitig als Helfer zur Verfügung stellen bis hin zu jenen, die nur vor einer Unterkunft stehen mit einem Schild, auf dem steht „Willkommen“.

Jeder fremdenfeindliche Aufmarsch wird in den Schatten gestellt von einer größeren Gegenkundgebung. Selbst als die inzwischen zurecht in der numerischen und politischen Bedeutungslosigkeit verschwundene PEGIDA Bewegung ihren Höhepunkt erlebte und über 20.000 Menschen auf die Straße brachte mit ihrer diffusen, von Angst, Unwissen und Hass befeuerten Ablehnung von Muslimen, „Fremden“, Flüchtlingen und des „Systems“, da waren es mehr, die auf der Straße Widerstand leisteten und Menschlichkeit demonstrierten.

Und das ist auch gut so. Denn es ist unsere Pflicht, wenn wir mit Sicherheit und materieller Versorgung gesegnet sind, denen zu helfen, die diese verloren haben. Wir haben keine Garantie, dass wir nicht den Tag erleben werden, wo wir Flüchtlinge sind, mittellos, hungrig, vielleicht verfolgt. Unsere Generation, so sie in diesem Land geboren bzw. aufgewachsen ist, hat nie etwas anderes gekannt, als Frieden.

Sind wir wirklich ausreichend dankbar dafür? Versuchen wir, zu verstehen – wenngleich das nie ganz gelingen kann – was es bedeutet, in einem Land zu leben, in dem eine Generation aufwächst, die nie etwas anderes erlebt hat, als Krieg?

Es ist in diesem Jahr genau 70 Jahre her, dass der zweite Weltkrieg endete. Es gibt in Deutschland und den anderen Ländern Westeuropas immer noch Millionen Menschen über 75, die sich erinnern können an die Zeit, als Europa ein Kontinent der Flüchtlinge war, als Millionen und Abermillionen Europäer, die alles verloren hatten, verzweifelt nach Schutz und Aufnahme suchten, immer bedroht von Mord und Vergewaltigung. Allein Deutschland nahm bis zu 14 Millionen Vertriebene auf aus den verlorenen Teilen Ostdeutschlands. Wie viele von uns wären heute nicht da, wenn diese Menschen nicht jemand aufgenommen hätte? Wie viele von denen, die heute vor Flüchtlingsunterkünften Hassparolen schreien und nachts Brandbomben werfen, stammen von Flüchtlingen ab?

Wie wir ‚Bismillah’ sagen, wenn wir essen, sollten wir danken, dass wir zu essen haben. Jedes mal wenn wir den Wasserhahn aufdrehen und Wasser fließt, wenn wir uns schlafen legen und wenn wir wieder aufstehen, wenn unsere Kinder gesund aus der Schule kommen, wenn wir  vom Einkaufen oder aus der Moschee oder von einem Besuch gesund zurück kommen, sollten wir danken für Sicherheit und Versorgen und voller Inbrunst beten, dass wir diese nicht verlieren.
Sicher tun das nur die wenigsten von uns. Ich weiß ich tue es oft genug nicht. Der Überfluss verleitet dazu, ihn selbstverständlich zu nehmen und gedankenlos zu werden.
Jeder Mensch unter uns, der dies nicht genießen kann, was wir genießen, sondern kaum das nötigste hat, ist eine Warnung, nicht undankbar zu sein, auf das wir nicht erfahren müssen, was sie erfahren.
Wichtiger noch aber ist, er oder sie ist ein Mensche wie wir und wenn wir unsere Menschlichkeit bewahren wollen, sollten wir tun, was unsere Kraft und unsere Mittel erlauben, um zu helfen.

Möge Allah, der Erhabene, der Gnädige, uns unter jene zählen, die Seiner gedenken und nicht undankbar sind. Amin.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.