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"Unglaube"

Von: Kaan Orhon
01.01.2016   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah
Gedanke zum Freitag:
Heute von Kaan Orhon, RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen

"Die Hälfte des Unglaubens in dieser Welt wurde von Menschen verursacht, die wegen ihres schlechten Charakters und ihrer Dummheit die Religion abscheulich wirken lassen."
(al-Ghazālī)

In den zurückliegenden Monaten und Jahren fallen sicher vielen, wenn nicht den meisten Menschen beim Lesen dieser Aussage zuerst die Verbrechen ein, die in vielen Teilen der Welt von Gruppen verübt werden, die von sich selbst sagen, sie würden für einen „islamischen Staat“ kämpfen. Sie sehen ein politisches Gebilde, welches sie als „islamisch“ deklarieren als unabdingbaren Bestandteil der Religion, als notwendige Heilsvorraussetzung und jede ihrer Handlungen durch dieses erklärte Ziel gerechtfertigt.

Um dies physisch sichtbar (und hörbar) darzustellen, wird jedes ihrer Verbrechen von einer Inszenierung religiöser Symbolik begleitet. Das Glaubensbekenntnis auf der Flagge, der erhobene Zeigefinger, der Takbir gerufen und geschrieben, die Formel „Im Namen Gottes, des Gnädigen, des Barmherzigen“ als vor jeder Hetzbotschaft und vor jedem reißerisch aufgemachten, mit Hollywood-Effekten überfrachteten Video auf dem Menschen erschossen, geköpft, verbrannt oder ertränkt werden, selbstverständlich ebenfalls unter der ständigen Proklamierung der Größe Gottes. Was ursprünglich einmal allen Muslimen gemeinsam „gehörte“ und verbindend wirkte, wird zunehmend von extremen Politsekten vereinnahmt und dabei der eigentlichen Bedeutung gänzlich beraubt, bis nur leere Hülsen zurückbleiben.

Wie extreme Gewaltdarstellung an sich, unabhängig von der Ideologie, hat auch diese Vereinnahmung und Umformung religiöser Symbolik eine schädliche, eine zersetzende Wirkung, die vielleicht nicht Jedem unmittelbar bewusst wird, aber dennoch immer Spuren hinterlässt. Je länger man dem ausgesetzt ist, desto tiefer sind diese Spuren.

Bei manchen bleiben sie im Inneren verborgen. Bei anderen wird sie offen ausgesprochen. Mehrfach habe ich von Menschen in meinem Umfeld gehört, dass die andauernde Konfrontation mit Gräueltaten in Nigeria, Somalia, Syrien, dem Irak und auch in Westeuropa die allesamt religiös inszeniert und religiös gerechtfertigt werden, ihre eigene Religiosität, ihr Verhältnis zu ihrem Glauben negativ beeinflusst. Wie etwa bei Depressionen kann man diese Reaktion nicht einfach als Anzeichen für den schwachen Glauben der betroffenen Person abtun und darüber hinweg gehen. Vielmehr muss man dies ernst nehmen und sich mit den Ursachen auseinander setzen.

Was dem Individuum passieren kann, kann ebenso auch Gesellschaften passieren. Auch sie erleben diese spirituelle Zersetzung, und keinesfalls nur dort, wo Krieg und extreme Gewalt unter dem Deckmantel der Religion an der Tagesordnung sind. Es beginnt bereits viel früher, überall dort, wo der Glaube als Stütze der Unfreiheit und Ungerechtigkeit benutzt wird. Dort wo er politisch instrumentalisiert und als Privatbesitz von Parteien und Bewegungen reklamiert wird. Dass betrifft vor allem die Machthabenden, aber keineswegs nur. Auch eine politische Opposition kann den Glauben zum Parteiprogramm herabwürdigen und als Rechtfertigung für alle Handlungen anführen, auch solche, die dem Wesen der Religion widersprechen.

Auch eine Partei oder Gruppe, die nicht im politischen Sinne herrscht, kann dort, wo sie einflussreich ist, Unfreiheit erzeugen und die Religion zu deren Legitimierung missbrauchen. Und dies nicht nur gegenüber Menschen außerhalb ihrer Gruppe wie auch nach innen, gegen ihre eigenen Mitglieder oder Anhänger.

Das Wesen des Menschen aber strebt der Freiheit zu und was immer der Rechtfertigung der Unfreiheit dient, wird Gegenstand der Ablehnung. Die Geschichte ist reich an Beispielen, man braucht nicht weit zurück zu gehen. Religiöse Diktatur entfremdet die Menschen der Religion. Säkulare, laizistische, atheistische Diktatur erzeugt die gegenteilige Reaktion, sie steigern das Interesse für und die Identifikation mit der Religion. Daran ändert nichts, dass Glaube natürlich letztlich eine zutiefst persönliche Sache ist. Besagte gesellschaftliche Entwicklungen sind trotzdem real wahrnehmbar.  

Für eine Person muslimischen Glaubens, die in irgendeiner Weise in der Gesellschaft – nicht nur in der Politik, sondern in jedwedem Bereich – Einfluss besitzt, ist es Verantwortung und Herausforderung, im Rahmen ihrer Möglichkeiten dazu beizutragen, dass der Glaube nicht zu einer politischen Ideologie herabgewürdigt und nicht von einer solchen vereinnahmt wird.

Das heißt selbstverständlich nicht, dass das eigene Handeln nicht auf den ethischen Fundamenten des Islam aufgebaut sein soll. Das soll es natürlich, und gerade das muss Antrieb sein, sich der religiösen Verbrämung von Unfreiheit zu widersetzen.

Parteisoldaten wie auch immer gearteter politischer Gruppen, die eine Umformung der Gesellschaft hin zu ihrem Ideal einer islamischen Gesellschaft oder die Schaffung eines politischen Gebildes als Gefäß für ihre Ideologie anstreben, werden schon am Umgang mit der seit jeher Vorhandenen innerislamischen Vielfalt scheitern. Noch viel weniger können sie mit noch weitergehender Verschiedenheit von Religionen und Lebensentwürfen zurechtkommen. Damit konfrontiert werden sie immer auf Zwang und Konformitätsdruck zurückfallen, die in ihrem Wesen schon angelegt sind, und diesen, religiös legitimiert, immer weiter steigern, um den Bestand ihres Weltbildes zu sichern.

In ihrer eingeschränkten Weltsicht und Selbstfixierung werden sie dabei nicht wahrnehmen – oder nicht für wichtig erachten – wie viele Menschen außerhalb ihrer eigenen Gruppe sie dem Glauben entfremden und welchen Schaden sie Individuen und ganzen Gesellschaften zufügen; nicht nur, aber auch spirituell.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag, ein schönes Wochenende weiter einen gesegneten Ramadan.