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Bildbehaftete Weltbewertung – Macht ohne Schönheit

09.12.2012   |   In: Stimmen

Die Macht des Bildes

Keine Frage: Wir leben im Zeitalter des Bildes. Das Bild herrscht und lässt herrschen. Es entscheidet und lässt entscheiden. Und vor allem gilt: Es kann Unterschiede heraufbeschwören. Egal mit welchem Welt- und Selbstverstädnis ein jeder von uns leben mag, das Visuelle überflutet außnahmslos uns alle in diversen Formen - sei es nun durch bewegte Bilder oder starre Momentaufnahmen. Man hat den Eindruck, dass das Wort, das schriftliche und das auditive, sich im Hintergrund aufhalten müssen. Diese Machtfülle des Bildes betrifft aber nicht nur die materiellen Medien, auch mental haben wir uns längst diesem Zeitgeist angepasst: Wir sind zu Bildkonsumenten geworden und revidieren unser kognitives Weltbild erschreckend oft mittels neuer Bilder, ohne selbst produktiv zu sein. Das Wort und die Wortschöpfung assoziieren wir bestenfalls mit gebildeten Langeweilern. Während das Hören immer mehr zu einem Hören-Sagen degradiert, wird die visuelle Wahrnehmung zu einer Notwendigkeit für die Weltzeugenschaft: Man traut nur noch seinen eigenen Augen.  Alle anderen bildlosen Hypothesen werden bestenfalls mit höchster Skepsis betrachtet, oftmals ausgeblendet. Doch was bedeutet diese gesellschaftliche Wandlung für unser Miteinander? Welche Gefahren sind darin verborgen?

Schmähvideos und Feindbilder

Als jüngstes Beispiel für die Kraft des Bildes kann das provokative Schmähvideo genannt werden, welches den Propheten der Muslime zu diffamieren versuchte. Auch wenn die Weltpolitik zunehmend polarisiert  und dichotom geführt wird, gibt es da eine Eigenschaft, die uns allen  gemeinsam ist: Als Kinder unserer Zeit laufen wir Gefahr, eine vorgekaute und bildbehaftete Welt- und Selbstrezeption zu akzeptieren. Die Folge davon sind fertige Feindbilder, mittels derer Machtstrukturen gewaltbereit ausgehandelt werden. Im Falle des Schmähvideos bedeutet dies: Sowohl die Produzenten als auch die gewaltsam reagierenden Rezipienten waren sich darin einig, dass das produzierte Bild Aussagen über Identitäten und die Welt machen dürfe, dass es quasi ein Repräsentationsparameter für essentielle Werte und Normen sei.  Auch wenn es den Anschein hat, beide Parteien hätten stark divergierende Positionen gehabt -  tatsächlich hatten sie denselben Ausgangspunkt und dieselbe Perspektive: Das Bild durfte seinem Machtanspruch nachgehen, es musste ernst genommen werden. Die sich streitenden Parteien waren somit allesamt im wahrsten Sinne des Wortes eingebildet.

Dagegen fand eine seriöse Debatte lediglich unter Mutigen statt, die die bildbehafteten Positionen in Frage stellten und das Wort zur Sprache kommen ließen. D.h. lediglich diejenigen, die sich von der übertragbaren Vorgestelltheit des Bildes nicht verführen lassen wollen, die nicht nur hören sondern auch zuhören können, haben sich auch wirklich etwas zu erzählen –Kritisches inklusive. Jedem Menschen mit gesundem Verstand müsste klar sein: Nicht indem Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit gegeneinander ausgespielt werden, wird es zu einer Lösung kommen. Allein ein dem Wort entstammeder Diskurs über unsere Bildrezeption und –bewertung hat die Chance, ähnliche tragische Ereignisse zukünftig zu vermeiden. Denn es ist zu fragen: Warum ist bei einem Großteil der Muslime die bildliche Darstellung des Propheten ein so sensibles Thema? Und warum ist für die Produzenten und ihren Befürwortern das kritische Darstellen-Dürfen eine so wichtige Handlung? Welche konkreten Ängste stecken dahinter und wie könnten sie ausgeräumt werden?

Wo bleibt der ästhetische Anspruch?

Die Frage, ob die gewaltsame Eskalation dieses Bildstreites ihren Urgrund in der Bildhaftigkeit des Bildes hat, ist eine zu heikle Frage, die wir den Bildtheoretikern überlassen wollen. Auch geht es uns in erster Linie nicht um die Bildhaftigkeit der Welt an sich, sondern um die bildbehaftete Weltrezeption und -bewertung. Hinzu kommt, dass das Öffentlichmachen des Bildes eine zweifellos sehr zentrale Rolle spielt. Lediglich folgendes können wir als Laien festhalten: Sowohl das Schmähvideo als auch die Mohammed-Karikaturen sind rein normativ intentionierte Produkte. Ihre Hersteller und Befürworter zielten auf ein ihnen fremdes Wertesystem und unverständliche Normen ab, die sie rücksichtlos aufdecken und zerstören wollten. Einige Reaktionäre stimmten der Normativität dieses Unterfangens unwillkürlich zu, indem sie höchst agressiv reagierten und ihrer Meinung nach hierfür repräsentative (und nicht verantwortliche!) Menschen mit dem Tod „bestraften“. Insofern steht fest, dass für beide Seiten nicht die ästhetische Komponente des Bildes vordergründig war, sondern die rein normativ repräsentative. Allein die Begriffsbildung „Schmähvideo“ macht dies deutlich. Eine eher ästhetisch ausgelegte Rezeption und Bewertung hätte sicherlich andere Folgen gehabt. Denn: Das für ihn Schlechte will der Mensch aus der Welt schaffen. Was aber passieren kann, wenn unsere Begriffe von „gut“ und „böse“ sehr stark differieren und wir im Zeitalter des Bildes leben, haben wir also nun erfahren. Eine auf ästhetische Empfindung basierende Weltrezeption ist meines Erachtens hilfreicher, auch wenn sie nicht universeller ist. Was zählt, ist unser Umgang mit dem Hässlichen. Wir können nämlich mit dem Hässlichen im Gegensatz zum Bösen gelassener und vernünftiger umgehen: Wir schauen weg und würdigen die Existenz des Hässlichen nicht und vor allem lassen wir es vergessen werden. Leider fielen aber die Aussagen „Das Video ist hässlich“ oder „Es ist nicht sehenswert“ zu selten; eine Debatte, ob der Regisseur damit überhaupt ein Kunstwerk geschaffen habe oder nicht, fand gar nicht statt. Warum? Egal ob man die Kritik für gerechtfertigt hielt oder nicht - eine Empörung über die fehlende Ästhetik der bildlichen Kritik? Fehlanzeige.

Die Ehrfurcht des Wortes

Damit sich der Kreis schließt, fehlt eine wichtige Frage, der nachgegangen werden muss: Hätte die - sagen wir mal - Message des Schmähvideos dieselben Auswirkungen  gehabt, wenn sie nicht als etwas, das das Auge sondern die Ohren anspricht, in die Welt geworfen worden wäre? Wenn beispielsweise der Regisseur des Videos ein Schmähgedicht verfasst hätte und dieses der Öffentlichkeit zugänglich vorgetragen hätte? Ich denke nicht. Solch eine Handlung wäre wahrscheinlich in der Allgemeinheit als „zu langweilig“ eingestuft worden und auf viel weniger Resonanz gestoßen. Das Bild kann also etwas, was das Wort nicht kann. Aber dafür gilt: Das Wort hat im Gegensatz zum Bild eine gewisse Ehrfurcht vor dem Unaussprechlichen. Wenn das Wort dennoch wagt, diese Grenze zu überschreiten, outet es sich sofort als Kitsch und „unangebracht“. Das Bild dagegen vereinnahmt seinen Rezipienten so sehr, dass die Entlarvung als „kitschig“ oder eben „unangebracht“ schwieriger wird. Aus diesem Grunde ist eine gewisse Blindheit zu den Bildern unserer Welt von Vorteil, vor allem wenn sie das Wort und das menschliche Hören-Können außer Acht lassen. Dass wir diesen Tatbestand aber nicht allen Bildern unterstellen dürfen, sollte selbstverständlich sein. Alle, die den Film „Sokout“ des iranischen Regisseurs Mohsen Makhmalbaf kennen, werden sich erinnern: Der kleine Held des Films, der blinde Junge Hurschit, kann es sich während einer Busfahrt nicht verkneifen, zwei Schülerinnen, die vermeintlich ein Gedicht auswendig zu lernen versuchen, auf Folgendes aufmerksam zu machen:  „Wenn ihr eure Augen schließt, lernt ihr besser.“  Schließen also auch wir ab und zu unsere Augen. Nicht um der Wahrheit zu entfliehen. Sondern um der Wahrhaftigkeit und Lernbereitschaft willen.

Von: Bloggerin Nazli Delikaya