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Buchrezension: Sandor Marai - "Die Glut"

24.01.2012   |   In: Stimmen

Sandor Márai. Die Glut. Roman
Christina Viragh, Übs. 16. Aufl. München: Piper, 1999 [1942]. 224 Seiten

Eine Rezension von Ruaa Ahmad.

Sándor Márais Roman Die Glut spielt in der kaiserlich und königlichen Monarchie Österreich-Ungarn zu Beginn des 20. Jahrhunderts und findet hauptsächlich in einem alten feudalen Herrenhaus inmitten eines Waldes statt, in das weder Sonnenschein noch Wärme zu dringen vermag. An diesem düsteren und melancholischen Ort beginnt der Roman. Der Besitzer des Herrenhauses, ein General namens Henrik, erfährt durch einen Brief von der Rückkehr seines alten Freundes Konrád, der vor 41 Jahren plötzlich verschwand, und lädt diesen zu einem Abendessen ein. Der Leser erfährt gleich zu Beginn, dass vor 41 Jahren ein letztes gemeinsames Essen zwischen Konrád, dem General und seiner verstorbenen Frau Krisztina stattgefunden, dass es einen Jagdausflug gegeben hat und dass etwas vorgefallen ist. Das Auftauchen Konráds soll die Ereignisse jenes schicksalhaften Tags aufklären, welches das Leben aller dreier Protagonisten schlagartig änderte. Mehr erzählt Márai zunächst nicht und mehr ist nicht notwendig um den Leser zu fesseln und bereits zu Anfang eine Spannung zu schaffen, die bis zum Ende anhält.


Vor Konráds Eintreffen erfährt der Leser in einem Rückblick von Henriks Eltern, seiner Kindheit und den Anfängen seiner Freundschaft zu Konrád. Als Sohn eines Gardeoffiziers und einer Grafentochter aus Paris, wächst Henrik zwischen zwei Welten auf. Die Welt seines Vaters ist die des Militärs, der Jagd und Ehre. Die Mutter jedoch, eine leidenschaftliche Musikerin, versucht dem Haus durch Möbel und Tapeten aus Frankreich die Düsternis zu nehmen, was ihr jedoch nicht ganz gelingen mag. So leben die Eltern zwei verschiedene Leben und allein seine Amme Nini gibt dem jungen Henrik Konstanz, Sicherheit und Liebe. Als er für seine Ausbildung zum Soldaten in eine Kadettenanstalt geschickt wird, lernt er Konrád kennen und beide sind von diesem Augenblick an unzertrennliche Freunde. Auch nach ihrer Ausbildung ziehen sie zusammen und verrichten gemeinsam ihren Dienst im Militär. Dennoch gibt es Unterschiede zwischen ihnen. Henrik ist reich und aus einer angesehen Familie, während Konrád aus einer verarmten Adelsfamilie stammt. Auch wird Henrik als geborener Soldat beschrieben, der sich perfekt in die Welt des Militärs und der höheren Gesellschaftsschicht eingliedert. Konrád jedoch ist ein „Sonderling“ (S. 95). Das Leben als Soldat ist ihm eine Bürde und seine Leidenschaft gilt, wie Henriks Mutter, den Künsten, vor allem der Musik, was ihm als Schwäche ausgelegt wird.


„Wir wußten, daß für dich alles schwerer war als für uns, die wirklichen Soldaten. Was für dich ein Zustand war, war für uns eine Berufung. Was für dich eine Verkleidung war, war für uns ein Schicksal.“ (S. 95).
Konrád versucht seine Leidenschaft zur Musik zu verbergen, da er fürchtet, dass sie seine wahre Natur offenbaren könnte.
„Konrád fürchtete sich vor der Musik (…): als sei auf dem Grunde der Musik ein schicksalhafter Befehl verborgen, der ihn aus der Bahn werfen, in ihm etwas zerbrechen würde.“ (S. 55).
Es ist diese Liebe zur Musik, die Henriks Vater erkennen lässt, dass Konrád „eine andere Art Mensch ist“ (S. 53), eine Aussage, die Henrik erst viel später verstehen wird.
Vor diesem Hintergrund führt Márai den Leser wieder zurück zu dem Wiedersehen der beiden Freunde nach über 40 Jahren. Auf diesen Moment hat der General sich vorbereitet und gewartet und nun kann seine Rache beginnen.
„Er folgte dem sich rasch bewegenden Zielpunkt (Konrád) mit ausdruckslosem Gesicht, reglos, und er kniff ein Auge zu wie ein Jäger, der angelegt hat.“ (S. 68).
Das Abendessen wird zu einem regelrechten Monolog Henriks, in welchem er die Geschichte ihrer Freundschaft Revue passieren lässt. War es vorher bereits schwer, das Buch aus den Händen zu legen, so ist es nun fast unmöglich. Durch seltene, aber gut platzierte, Andeutungen erfährt der Leser allmählich, dass der General Konrád Verrat, Untreue und die anschließende Flucht vorwirft, aber auch eine Verstrickung Konrád und Krisztinas wird deutlich. Doch es ist nicht unbedingt die eigentliche Geschichte und die Enthüllung des Geheimnisses, die faszinieren. Es ist die Sprache des Romans, am Anfang sachlich und kühl, später im Monolog Henriks ausschweifend, überlegt und philosophisch. Es ist aber auch die Vielschichtigkeit der Geschichte. Zwei alte Männer, die das habsburgerische System verkörpern, sitzen in einem alten feudalen Schloss, während die Welt, die sie kennen (es ist 1940) dabei ist, unterzugehen.


„Vielleicht gehört diese Lebensform, die wir kennen, in die wir hineingeboren wurden (…) der Vergangenheit an. In den Herzen der Menschen ist zuviel Spannung, zuviel Unwillen, zuviel Rachsucht. Wir schauen in unsere Herzen, und was finden wir darin? Unwillen (…). Warum sollen wir dann von der Welt etwas anderes erwarten, in der es von unbewußten Sehnsüchten, von willkürlichen Affekten wimmelt, in der junge Männer jungen Männern anderer Nationen mit dem Bajonett die Finger spitzen, in der fremde Menschen einander Riemen aus dem Rücken schneiden, in der alle Regeln, alle Konventionen ungültig geworden sind und nur noch die Triebe herrschen und lodern, bis zum Himmel (…).“ (S. 187).
Der Leser darf den Gedanken des Generals folgen als wäre man ein Psychologe, der den Ausführungen seines Patienten folgt. So führt er uns zu dem Morgen jenes Tages, an dem er und Konrád bei der Jagd sind und auf eine ergreifende Weise erzählt er, wie er spürte, dass Konrád das Gewehr nicht auf den Hirsch zielte, sondern auf ihn. Doch der perfekte Moment eines Mordes verfliegt. Zunächst kann und will Henrik seine Vermutung nicht wahrhaben und versucht sie zu ignorieren. Und auch das gemeinsame Essen mit Krisztina und Konrád am Abend verläuft wie gewohnt. Am nächsten Morgen jedoch, als Henrik das erste Mal seinen Freund in seiner Wohnung aufsuchen möchte, muss er sich der Tatsache stellen, dass Konrád geflohen ist. Und in diesem Augenblick taucht Krisztina auf. Als sie eintritt und merkt, dass Konrád nicht mehr da ist, bezeichnet sie ihn als Feigling und verlässt die Wohnung wieder. Dies sind die letzten Worte, die der General von seiner Frau hört. Bis zu ihrem Tode werden beide getrennt voneinander leben und kein Wort mehr miteinander wechseln.


Was will nun der General und was verspricht er sich von dem Wiedersehen? Er suche die Wahrheit. Und diese bestehe seinen Worten zufolge nicht allein aus Tatsachen. Ob Konrád ihn tatsächlich mit seiner Frau betrogen hat und ob er ihn töten wollte, das interessiert ihn nicht; denn darüber ist er sich sicher. Jedoch kann er nicht nachvollziehen, was Konrád und Krisztina dazu trieb, ihn zu hintergehen. Er will verstehen können, was ihre Beweggründe waren.
„Man macht sich nicht mit dem schuldig, was man tut, sondern mit der Absicht, die hinter diesem Tun steckt. In der Absicht ist alles.“ (S. 113).
Und wo genau liegt seine eigene Schuld? Hat er in seiner Verantwortung als Freund und Ehemann versagt? Schließlich ließ er Konrád in ihrer Zeit in Wien Abend für Abend alleine, während er sich in der Welt der Reichen amüsierte. Es ist weiterhin bemerkenswert, dass Konrád nie mit Henrik über seine Sehnsüchte sprach und womöglich auch nicht mit ihm darüber sprechen konnte, obwohl sich doch beide so nahe zu sein schienen. Könnte es dann nicht ebenso sein, dass Henrik blind für die Bindung zwischen Konrád und Krisztina war, die sich bereits lange vor seiner eigenen Bekanntschaft mit seiner zukünftigen Frau kannten? War nicht Krisztina das eigentliche Opfer? Denn, so Henrik, man antworte auf die wichtigen Fragen mit seinem ganzen Leben. Die eigenen Taten sprächen oft mehr Wahrheit als Worte es je könnten. Und während Konrád in die Tropen flüchtete und Henrik sich von allem zurückzog, ließen sie Krisztina alleine. So blieb ihr nichts Anderes übrig als darauf mit ihrem Tod zu antworten.
„ Meinst du nicht, daß wir ihr auch über das Grab hinaus eine Verantwortung schuldig sind, ihr, die doch mehr, doch menschlicher war als wir beide – mehr, weil sie gestorben ist und uns beiden also geantwortet hat, während wir am Leben geblieben sind, und daß läßt sich nicht beschönigen. Das sind Tatsachen. Wer jemanden überlebt, ist immer ein Verräter.“ (S. 214).

 

Über diese Fragen hatte Henrik genug Zeit nachzudenken. Seine Rache besteht nun darin, dass er Konrád mit seinen Erinnerungen und seinen Erklärungsversuchen konfrontiert. Neid auf seinen Reichtum und seine Beliebtheit sind Henrik zufolge die Gründe für Konráds Handeln. Konrád habe nicht akzeptieren können, dass „die Welt gleichgültig, zuweilen auch feindselig“ auf ihn blickte, „während (…) die Menschen ihr Lächeln und ihr Vertrauen“ Henrik schenkten (S. 137).
So sehr der General sich seiner Erklärung sicher ist und sich überzeugend und selbstbewusst ausdrückt, er schafft es nicht den Leser komplett von seiner Variante der Geschichte zu überzeugen. Bereits zu Anfang des Romans kommen Zweifel am Erinnerungsvermögen des Generals auf. So behauptet Henrik, er sei sich auf den Tag sicher, dass Konrád vor genau 41 Jahren und 43 Tagen verschwunden ist. Kurz darauf wird aber erwähnt, dass „er nur noch in Jahrzehnten (dachte), genaue Zahlen mochte er nicht, als erinnerten die ihn an etwas, das man besser vergißt“ (S. 8). Konrád selbst kommt selten zu Wort. Allein ein einziges Mal stellt er die Frage ob Henrik sich sicher sei, „daß dieser Freund untreu gewesen ist“ (S. 113). Auch die Erklärung Henriks, warum sein Freund ihn hintergangen habe, überzeugt nicht. Er selbst gibt zu, dass er weder Konrád noch Krisztina jemals richtig verstanden habe, denn sie waren „anders“.
„(…) ich begriff, daß sich sein Schicksal (des Vaters) in mir fortsetzte, daß ich zu seiner Art gehörte, während meine Mutter, du und Krisztina am anderen Ufer standet (…). Am anderen Ufer, ja, wohin man nie gelangt (…)“ (S. 178).
Die Zerrissenheit des Generals spiegelt sich im kompletten Roman wieder. Die Welt, die Márai in Die Glut erschaffen hat, ist geprägt von einer Dualität: Die Amme Nini, Gegensatz zu einer Welt voll „Selbstsucht, Leidenschaft, Eitelkeit“ (S.12); die ruhige und wilde Heimat des Vater und das laute, schillernde und schmutzige Paris der Mutter; das Schloss, das in zwei Flügeln aufgeteilt ist; musikalische und unmusikalische Menschen; Reichtum und Armut, alte und neue Welt. Und mittendrin ist Henrik. Er selbst sieht sich auf der einen Seite des Ufers stehend, gemeinsam mit seinem Vater, beide geborene Soldaten, angepasst und akzeptiert in der Gesellschaft. Jedoch war er einst  ein kleiner Junge mit blonden mädchenhaften Locken, „dünn und zerbrechlich“ (S. 37), der beinahe gestorben wäre, weil ihm Liebe fehlte und der davon träumte Dichter zu werden. Als er später beschreibt, dass in Konrád eine Sehnsucht stecke, anders zu sein als er ist, drängt sich der Verdacht auf, ob er in seinem Innersten eigentlich nicht von sich selbst spricht.
„Die Sehnsucht, anders zu sein, als man ist: eine schmerzlichere Sehnsucht könnte im Herzen nicht brennen. Denn das Leben läßt sich nur ertragen, wenn man sich mit dem abfindet, was man für sich selbst und für die Welt bedeutet.“ (S. 136).


Womöglich weiß Konrád dies und indem er schweigt und lediglich Zuhörer ist, erweist er Henrik vielleicht einen letzten Freundschaftsdienst. Denn zuletzt, als Henrik Krisztinas Tagebuch ungelesen verbrennt und somit auch alle Beweise, weigert sich schließlich Konrád auf Henriks Frage zu antworten, warum seine Frau ihn einen Feigling schimpfte. Auf diese Weise bleibt alles beim Alten. In seiner letzten Lebensphase bleibt es dem General erspart, sich mit den Erklärungen und Gedanken seines Freundes und seiner Frau auseinanderzusetzen, die sein Gedankenkonstrukt, welches er sich über 40 Jahre lang aufgebaut hat, zu Sturz bringen könnten.
Letztendlich möchte Henrik eine weitere Frage von Konrád beantwortet wissen, nämlich ob „der Sinn des Lebens einzig in der Leidenschaft besteht, die eines Tages in unsere Herzen, Seelen und Körper fährt und dann auf ewig brennt? Was immer zwischendurch geschehen mag? Und wenn wir das erlebt haben, haben wir dann vielleicht doch nicht umsonst gelebt? Ist die Leidenschaft so tief, so grausam, so großartig, so unmenschlich?“ (S. 216f). Darauf erhält er eine kurze Antwort seines Freundes: „Warum fragst du mich? (…) Du weißt genau, daß es so ist.“ (S. 217). Mit dieser Gewissheit, dass trotz des Verrats, des Schmerzes und der Einsamkeit sein Leben nicht sinnlos war, kann der General abschließen und zur Ruhe kommen.