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Ent-hindern statt be-hindern: diskriminierungsfreie Hochschule und Gesellschaft

05.12.2011   |   In: Stimmen

Zum Internationalen Tag der Menschen mit Behinderungen und dessen Relevanz für muslimische Studierende und Akademiker -  

von Ayşe Cindilkaya, 3. Dezember 2011

 

Seit 1993 wird am 3. Dezember weltweit der von den Vereinten Nationen ausgerufene internationale Gedenktag für Menschen mit Behinderungen begangen; in diesem Jahr unter dem Motto „Together for a better world for all: Including persons with disabilities in development“. Dieser Tag soll der Öffentlichkeit einen Einblick in die Belange Betroffener verschaffen, das Bewusstsein für deren Problem-und Schieflagen schärfen und Unterstützung im Einsatz für die Rechte, Würde und das Wohlergehen von Menschen mit Behinderungen zu Tage bringen.
 

Behinderung normal?

In Deutschland leben laut den Zahlen des Statistischen Bundesamtes von 2009 etwa 9,6 Millionen Menschen mit einer anerkannten Behinderung; das bedeutet, dass in etwa jeder neunte Einwohner der BRD der Kategorie behindert zurechenbar ist. Weltweit sind 15 Prozent der Weltbevölkerung von einer Schwer-oder leichten Behinderung betroffen. Schließt man hierzu noch die Angehörigen, die sich mit der Thematik auseinandersetzen oder müssen, mit ein, ergeben sich Werte, die Behinderung und den Umgang damit als etwas durchaus Normales erscheinen lässt. Dennoch sind nach Theresia Degener, Rechtsprofessorin und eine zentrale Figur in der wissenschaftlichen Behindertenrechtsbewegung, behinderte Menschen am meisten von Menschenrechtsverletzungen bedroht.
Behinderte leben überwiegend isoliert und nicht inkludiert. In der permanenten Überprüfung mit einer „Norm“ als abweichend und unbrauchbar reproduziert, finden sie sich von Bürgern zu Objekten der Fürsorge degradiert und in zahlreichen Sondereinrichtungen wieder. Eine selbstverständliche und gleichberechtigte Teilhabe der Betroffenen an der Gesellschaft und somit am regulären Bildungssystem oder Arbeitsmarkt ist mit vielen Hürden verbunden. Mit der Ratifikation der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen (kurz: BRK) hat auch die BRD sich seit März 2009  dazu verpflichtet, „den vollen und gleichberechtigten Genuss aller Menschenrechte und Grundfreiheiten durch alle Menschen mit Behinderungen zu fördern, zu schützen und zu gewährleisten und die Achtung der ihnen innewohnenden Würde zu fördern (Art.1 BRK)“.
Mit der bundesweiten Umsetzung der Vorgaben der BRK tut sich das besonders auf Selektion ausgerichtete Deutschland trotz kleiner Erfolge, noch schwer. Deutlich wird dies vor allem in dem Bereich Bildung.

Inklusion statt Exklusion

Art. 9 der BRK fordert die Vertragsstaaten dazu auf, derartige Vorkehrungen zu treffen, welche Barrieren, die die volle Teilhabe Behinderter und Benachteiligter in allen Lebensbereichen und Lebenslagen verhindern, abschaffen. Ein zentraler Begriff in der BRK ist hierbei der der Inklusion, welcher sich in Art. 24 besonders im Recht auf eine inklusive Bildung niederschlägt. Hier manifestiert sich ein grundlegender und umfassender Paradigmenwechsel. Das gängige Konzept der Integration, wonach das problembehaftete, zu rehabilitierende Individuum dem System angepasst und nachträglich eingefügt werden muss, wird abgelöst durch Eines, welches das System als Verursacher von Benachteiligung und Diskriminierung in den Blickwinkel nimmt und mittels eines tieferen Verständnisses von Diversität dieses zugunsten des Klientels berichtigen möchte.

Alle SchülerInnen sollen ungeachtet ihrer individuellen Unterschiede von Anfang an gemeinsam, in sogenannten „Schulen für alle“ unterrichtet werden. Vielfalt und Heterogenität gelten als Bereicherung und nicht problemstiftend. Eine inklusive Bildung und das Umfeld, in welcher diese stattfindet, will die Buntheit, erkennt sie an, achtet sie und bekämpft Diskriminierungen. Das Zwei-Klassen-System der „anormalen, zu integrierenden Geduldeten“ und „vollkommenen“ Schülern wird aufgehoben.

Separation durch Sondereinrichtungen

In Deutschland werden aber 80 Prozent der behinderten Kinder regelrecht in eine separate Sonder- bzw. Förderschule abgeschoben. Eltern, die ihr Kind gemeinsam mit Nichtbehinderten in einer Allgemeinschule ausbilden lassen möchten, stehen oftmals ratlos alleine da, da die Kommunen mit der Schaffung struktureller Vorbedingungen überfordert sind oder sich schlichtweg nicht genügend darum kümmern. "Vor allem von der Kultusministerkonferenz hätte ich mir einen mutigeren Zeitplan für mehr Inklusion in den Schulen gewünscht", kritisiert die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, Christine Lüders.

Nach ihrer Schulzeit erhalten die Kinder aus Sonderschulen nur eine Teilnahmebestätigung und gelten, sollten sie keinen Abschluss an einer weiterführenden Schule erwerben, als Schulabbrecher. Dies ist in einigen Bundesländern bei bis zu über 90% der SchülerInnen aus Förderschulen der Fall. Der Zugang zu einer Hochschule und/oder den regulären Arbeitsmarkt ist damit sehr ungerecht geregelt. Lösungsansätze gibt es kaum.

Soziale Herkunft

Interessant wird es, wenn man die Zusammensetzung der Schülerschaft in Förderschulen näher betrachtet. Die Förderschwerpunkte dieser Schulen bilden neben „emotionaler und sozialer Entwicklung“ (10%) größtenteils das „Lernen“ (47%) und „Sprache“ (9%). Zwei Drittel der SchülerInnen haben also keine organisch bedingte schwere Beeinträchtigung, sondern wurden anderweitig als be-hindert klassifiziert und dieser Schulform zugeordnet.

Dass die soziale Herkunft in Deutschland über den Bildungserfolg entscheidet, ist längst kein Geheimnis mehr, in Bezug auf die Verweisung in eine Sonderschule aber besonders alarmierend. Die überwiegende Anzahl deren Schülerschaft ist männlich und entstammt bildungsschwachen Elternhäusern. Der Ausländeranteil steigt laut Nationalem Bildungsbericht 2010 seit den 1990er Jahren drastisch an und ist charakteristisch hoch. Hierbei beeinflusst aber besonders auch das jeweilige Herkunftsland und die vielleicht manchmal damit verbundenen Vorurteile die Verantwortlichen darin, welche Schüler sie in eine Förderschule überweisen. Doppelleistungen, die diese Kinder erbringen müssen, werden übersehen. Fehlende Deutschkenntnisse werden häufig zu kognitiven Defiziten uminterpretiert und die Kinder landen oftmals bereits nach zwei Jahren Grundschule in einer Sondereinrichtung. Prof. Kerstin Merz-Atalik betont, dass Kinder aus muslimischen Herkunftsländern, darunter aus Albanischen Häusern, signifikant schnell  in eine Förderschule überführt werden und somit die Chancen auf eine Ausbildung, geschweige denn Hochschulabschluss ins fast Unmögliche sinken.
Aus diesem kleinen Beispiel lässt sich schlussfolgern, dass selektive Systeme, in denen wir uns befinden, Be-hinderungen, insbesondere bei MigrantInnen, künstlich herbei schaffen, also sozial konstruieren können. Mit den Konsequenzen und der Ausgrenzung müssen dann meist die Leidtragenden alleine auskommen.

Behinderungen beschränken sich demnach nicht nur auf körperliche, seelische, geistige oder Sinnesbeeinträchtigungen. Diese selbst sind nicht einmal be-hindernd, sondern werden erst dann zu einer Behinderung produziert, wenn keine ausreichenden Vorkehrungen getroffen wurden, dass aus der Wechselwirkung zwischen der individuellen Beeinträchtigung (z.b. Blindheit) und der aus der Umwelt resultierenden Barrieren (keine Lesegeräte) aufgelöst werden können.
Man ist demnach nicht behindert, sondern wird be-hindert.

 

Behinderung als soziale Konstruktion: Und Muslime?

Be-hindert werden können auch derlei Menschen, die in einer sozialen Interaktion aufgrund unerwarteter, von der Norm abweichender Verhaltensweisen ein Merkmal zugeschrieben und dieses negativ bewertet, die Person als Ganzes stigmatisiert (Erving Goffman) und exkludiert  wird. Das Hervorstechen dieses Merkmals über alle anderen Eigenschaften führt letztendlich zur Diskreditierung des Trägers und stuft ihn sozial herab.
Ein gesellschaftlicher Prozess macht demnach Träger bestimmter Merkmale, die unterschiedlicher nicht sein könnten, insgesamt zu Opfern einer eine große Gruppe exkludierenden Normalität. Diesen Ausgeschlossenen werden Rechte vorenthalten, die Anderen selbstredend zustehen, somit  ihnen ihre volle soziale Partizipation und Anerkennung verwehrt.

Mittels eines kleinen, zugegeben diskutierbaren, aber vielleicht etwas Problembewusstsein schaffenden Gedankenspiels lässt sich dieses Verständnis auf jene des von der Autorin geprägten Begriffs der Kopftuch-be-hinderten übertragen, welcher aufgrund ihrer Herkunft und ihrem äußerlichen Erscheinungsbild (Merkmal) von „Anderen“, also der Gesamtgesellschaft und deren Institutionen negative Zuschreibungen, wie z.B. staatsbürgerschaftliche Illoyalität,  Politisierung, Unmündigkeit und hidden agenda angehaftet werden. Die Minorisierung dieser weiblichen Personengruppe resultiert in Diskriminierungen vielerlei Arten, sei es bei der Einstufung in weiterführende Schulen, Suche nach Praktika oder auf dem Arbeitsmarkt. Leider können  sich die Zuschreibungen auch in auf diese Personengruppe gerichtete Gewalt niederschlagen, die sogar zu Mord wie im sehr drastischen Fall Marwa al Sharbinis führen können. Ein besonderes Augenmerk sei hier auf Berufsverbote für Lehramtsanwärterinnen, gelegt, welche trotz normaler Ausbildungsvoraussetzungen aus dem Arbeitsmarkt exkludiert werden.

Wie auch dem aktuellen Beispiel des muslimischen Schülers aus Berlin, der in seiner Schule dem rituellen Pflichtgebet nachgehen wollte und dafür nach einem mehrstufigen Rechtsverfahren letztlich doch ein Verbot erntete, im übertragenen Sinn  entnehmbar ist, fällt Deutschland der (gelassene) Umgang mit Diversität, das Erlauben und Respektieren von identitätstechnischen Selbstdefinitionen der Betroffenen  und die Findung von pragmatischen Lösungen, sei es in Fragen von Behinderung, ethnischer Herkunft, Sprache oder Religion im internationalen Vergleich noch vergleichsweise schwer. Es fehlt an umfangreichen Strategien und Konzepten. Es wird hier bei Interessenskonflikten, trotz aller natürlich nennenswerter positiver Entfaltungsmöglichkeiten, vordergründig starr verboten, separiert oder ausgeschlossen, statt Umgebungen zu schaffen, in denen die in der BRD sich neu konstituierende Vielfalt überhaupt erst vorurteilsfrei verstanden und nicht als Störung gebrandmarkt wird.

Ausweitung der Begriffsbedeutungen

Die systematische Falschübersetzung des Begriffs Inklusion in der deutschen Version der BRK mit Integration und dessen öffentliche Beschränkung auf die gemeinsame Ausbildung von Behinderten und Nichtbehinderten ist also äußerst hinderlich für die Gesamtentfaltung der menschenrechtlichen Forderungen der Konvention. Diese bietet sich nämlich gesamtgesellschaftlich als sehr hilfreicher Maßstab und Denkansatz an. Heiner Bielefeldt, Menschenrechtsprofessor und UN-Sonderberichterstatter für Religionsfreiheit, attestiert der Konvention „eine Reihe von innovativen Elementen inhaltlicher wie institutioneller Natur, die keineswegs nur für den Kontext der Behinderung relevant sind“  und begreift sie als Repräsentant des „aktuellen Stand(es) der internationalen Menschenrechtsdiskussion.“
Inklusion darf hier also nicht wie im Fall Deutschlands nur auf eine (dringend notwendige) Reform im Bildungswesen bezogen auf behinderte SchülerInnen verkürzt, sondern muss als gesamtgesellschaftliche Matrix aufgenommen werden. Donja Amirpur und Prof. Yasemin Karakasoglu weisen in ihrem Plädoyer „Inklusive Interkulturalität“ darauf hin, dass der Begriff „Integration“ sowohl auf Menschen mit Behinderung als auch auf Menschen mit Migrationshintergrund angewandt wurde und wird. Dasselbe müsste auch bei der Inklusion geschehen. „Interkulturelle Aspekte (…), wie ethnische Herkunft, Mehrsprachigkeit, Religion, aber auch die Themen Rassismus und Diskriminierung kommen in der Inklusionspädagogik kaum vor“, kritisieren die Wissenschaftlerinnen.

RAMSA will sensibilisieren

Der Rat muslimischer Studierender und Akademiker unterstützt die Forderungen von Behindertenverbänden nach einer umfassenden Umsetzung der Behindertenrechtskonvention in Deutschland uneingeschränkt und ruft dazu auf, sich mit der Konvention auseinander zu setzen.
Wir laden alle muslimischen Verbände dazu ein, aktiv für die Belange von Menschen mit Behinderungen jeglicher Form einzutreten, sie bei Bauprojekten noch umfassender mitzubedenken und sich bei Behindertenverbänden als Anlaufstelle für betroffene muslimische Familien pro aktiv anzubieten, denn das Eintreten für Gerechtigkeit, insbesondere für jene, welche Benachteiligungen zum Opfer fallen, zählen wir zu unseren Grundfesten. Wir wünschen uns ein Deutschland, welches sich durch Vielfalt, statt Einfalt auszeichnet und bemühen uns aktiv um die Bekanntmachung des menschenrechtlich international als Standard manifestierten Inklusionskonzepts.

RAMSA erhofft sich in dem ihm möglichen Wirkungsradius und Zielgruppe, zu sensibilisieren und allen Akteuren in Deutschland, die sich für ein Bildungs- und Gesellschaftssystem, welches kein Kind mehr aufgrund seiner ethnischen, sozialen Herkunft, Religion, Hautfarbe oder körperlichen und geistigen Eigenschaften ausgrenzt, beizustehen.

 

Quellen und mehr Informationen

Amirpur, Donya; Karakasoglu, Yasemin: Inklusive Interkulturalität- Ein Plädoyer. In: Vielfalt. Das Bildungsmagazin. Sondernummer 2/2011. http://integrationsagentur-awo.de/wcms/ftp//i/integrationsagentur-awo.de.... S. 5.
Bielefeldt, Heiner: Inklusion als Menschenrechtsprinzip. Perspektiven der UN-Behindertenrechtskonvention. In: König; Orthel; Puch (Hrsg.): Sozial wirtschaften – nachhaltig handeln. München, 2011.  
Deutsches Jugendinstitut: Förderschulen: Sprungbrett oder Sackgasse? Thema 2011/03. http://www.dji.de/cgi-bin/projekte/output.php?projekt=1076&Jump1=LINKS&J...
Czock et al.: Diskriminierungsfreie Hochschule. Mit Vielfalt Wissen schaffen. Projekt der Prognos AG, im Auftrag der Antidiskrimnierungsstelle des Bundes, 2011/2012. http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publika... .
Gemeinsamer Bericht der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und der in ihrem Zuständigkeitsbereich betroffenen Beauftragten der Bundesregierung und des Deutschen Bundestages: http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Downloads/DE/publika....
Goffman, Erving: Stigma. Über Techniken der Bewältigung beschädigter Identität. Frankfurt, 1996.
Günther Cloerkes: Wie man behindert wird: Texte zur Konstruktion einer sozialen Rolle und zur Lebensstituion betroffener Menschen. Heidelberg, 2002.
International Day of Persons with Disabilities http://www.un.org/disabilities/default.asp?id=111
Merz, Atalik, Kersin: Zur Überrepräsentanz von Migrantenkindern an Förderschulen. In: Vielfalt. Das Bildungsmagazin. Sondernummer 2/2011. http://integrationsagentur-awo.de/wcms/ftp//i/integrationsagentur-awo.de.... S. 6-8.
Nationaler Bildungsbericht 2010 -  Bildung in Deutschland. Durcksache 17/3400. http://dip21.bundestag.de/dip21/btd/17/034/1703400.pdf.
Vielfalt statt Auslese – Lüders fordert mehr Anstrengung für Inklusion. Pressemitteilung der Antidiskriminierungsstelle des Bundes: http://www.antidiskriminierungsstelle.de/SharedDocs/Aktuelles/DE/2011/Be....