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Erinnern an Srebrenica ist mehr als Schuldzuweisung

20.07.2019   |   In: Stimmen

Erinnern an Srebrenica

– warum jeder Tag außerhalb des Jahrestag genau so wichtig ist und wie eine junge Studentin den Tag gegen antimuslimischen Rassismus entwickelte


2014 organisierte RAMSA seine erste Bildungsreise nach Bosnien. Schon einige Jahre lang stellte der Verein interessierten Hochschulgruppen Stellwände mit Informationen zum Krieg in Bosnien und speziell zum Völkermord an bosnischen MuslimInnen bereit. Die Hochschulgruppen befassten sich multiperspektivisch mit der Thematik und trugen im Rahmen von Gedenkwochen dazu bei, dass die schrecklichen Ereignisse auch über dem Betroffenenkreis hinaus nicht in Vergessenheit geraten würde.


Obwohl der Völkermord nicht lange zurücklag konnte keiner von uns behaupten, dem Genozid oder den Motiven, die ihm zugrunde lagen, auch nur in einer einzigen Unterrichtsstunde begegnet zu sein. Wir verspürten das Bedürfnis muslimischen Studierenden und AkademikerInnen die Begegnung mit Zeitzeugen zu ermöglichen und auf viele Fragen, die uns als EuropäerInnen Sorgen bereiteten, Antworten zu finden. Also ging es nach Bosnien.


Hatidža Mehmedović – Menschenrechtsaktivistin und Mutter von Srebrenica


Die Reisegruppe besuchte im Rahmen eines sehr vielfältigen Programms auch Srebrenica, konkret das Gräberfeld der Ermordeten in Potočari. Die TeilnehmerInnen wanderten zwischen den schier endlosen Reihen der Grabstellen, lasen die Namen der Ermordeten und hörten das Zeugnis von Hatidža Mehmedović, der Leiterin des Erinnerungszentrums und Gründerin der „Mütter von Srebrenica“. Sie hatte bei diesem grausamen Verbrechen ihren Ehemann und ihre Söhne verloren. 

Das Gespräch war sehr emotional und nahm die Teilnehmenden sichtlich mit. Die Studierenden konnten sich nicht vorstellen, diesen Ort einfach so wieder zu verlassen und in ihren Alltag zurückzukehren. Auf die Fragen, ob sie für die Hinterbliebenen wenigstens spenden oder sie anderweitig unterstützen könnten, antwortete Hatidža: „Geld bekommen wir schon. Was wir brauchen ist Gerechtigkeit. Wir wollen, dass die Welt dieses Verbrechen nicht vergisst. Wir wollen, dass es nicht länger geleugnet werden kann.“


Bei Abschied aus Srebrenica versprachen die Teilnehmenden der Reise, ihre Botschaft mitzunehmen und etwas dazu beizutragen, die Erinnerung lebendig zu halten.

 


Einen Tag darauf saß Rabia Akin Abdulwahid, Studentin der Politikwissenschaften und damaliges RAMSA-Vorstandsmitglied mit anderen OrganisatorInnen der Bildungsreise in einem Café in Sarajevo und ließ die Eindrücke auf sich wirken. 2013 hatte sie gemeinsam mit weiteren KollegInnen als ASTA-Kulturreferentin eine Bildungsreise zu deutscher Geschichte organisiert bei der eine wichtige Station der Besuch das KZ Buchenwalds war. An der Reise nahmen zahlreiche VertreterInnen muslimischer Hochschulgruppen aus dem Bundesgebiet teil. Rabia Akin Abdulwahid wollte das Erinnern daran, wohin Hass gegen eine Menschengruppe führen kann auch bzgl. Bosnien konzeptionell angehen.


Rabia war im Hinblick auf die sehr zögerliche Aufarbeitung des islamfeindlich motivierten Mordes an Marwa El-Sherbini im Jahr 2009 überzeugt davon, dass das Aufmerksam machen auf Muslimfeindlichkeit im Rahmen eines speziell darauf ausgerichteten Tags gelingen könnte. So war die Idee einer jungen Studentin zum Tag gegen antimuslimischen Rassismus in Sarajevo geboren und wurde kurze Zeit später vom Vorstand umgesetzt.


Den größten Völkermord in Europa nach dem 2. Weltkrieg übte man an muslimischen EuropäerInnen in Bosnien aus. Diese Angst davor auch Jahre später in Europa im hier und jetzt wird durch wachsende Zahlen von  RechtspopulistInnen online und offline bin in Parlamente und Regierungen gespeist. Angst ist nie ein guter Berater, aber wer aus der Geschichte lernt, kann negative Geschehnisse ggf. aufhalten.


Ideologische Verbindungen zwischen Muslimhassern


Im März 2019 mussten wir erleben, wie ein Rechtsterrorist in Moscheen in Christchurch stürmte und wahllos MuslimInnen während des Freitagsgebets ermordete. Hierbei konnte eine ideologische Linie zum norwegischen Massenmörder und Islamhasser Breivik und zu serbischen Kriegsverbrechern als Vorreiter eines anti-islamischen Kampfs festgestellt werden. Sowohl Karadžić als auch Mladić rechtfertigten mit ihrer Ideologie den Genozid. Bosnische MuslimInnen stellten sie als Eindringlinge und Fremde in Europa dar. Ein Bild von MuslimInnen, welches heute auch wieder Anhänger findet.


Erinnern ist ein Bezeugnis


Der Aufruf an Srebrenica zu erinnern ist nie aufdringlich, penetrant oder rachsüchtig. So auch der Tag gegen antimuslimischen Rassismus. Die Ereignisse auf die sich diese Gedenk- und Aktionstage beziehen müssen als warnendes Beispiel fungieren, um verstehen zu können wozu gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit notwendiger Weise letztlich führen muss, egal ob biologistischer oder kulturalistischer Rassismus, Extremismus, Antisemitismus oder Islamfeindlichkeit.


Wenn es um Srebrenica geht, kommen die Mütter, welche älteren Tanten in Deutschland ähneln in den Sinn. Man denkt an jene, die an den Gräbern weinen und immer noch auf die Gebeine ihrer meist männlichen Verwandten warten. Jedes Jahr werden neue Särge begraben. In diesen befinden sich keine vollständigen Leichen, manchmal nur einzelne Knochen. Tausende werden noch vermisst. Sie liegen in Massengräbern und die Identifizierung ist mühsam. Die Ungewissheit wird als das schlimmste empfunden.

Aufzug in der Gedenkkunstgalerie Gallery 11/07/95 in Sarajevo


"Be my witness"

Erforschen und Erinnern an das, was dort passierte und sehr viel lernen von den Menschen, die dort leben sollten wir.
Manche von uns können die Erinnerungsblumen bei sich tragen, weil sie vor Ort waren.


Den anderen obliegt es daran zu erinnern, was passieren kann, wenn kollektiver Hass um sich schlägt.


Und dies an jedem Tag des Jahres zu jedem Anlass mit Wissen, Verstand und Herz - ganz gleich um wen es geht! Aus Liebe zur Schöpfung.

Jüdische Organisationen wie z.B. der World Jewish Congress erinnern an Srebrenica. Mitglieder des RAMSA e.V. besuchten Yad Vashem in Jerusalem und nahmen solidarisch an Social Media Aktionen wie #IGoToSynagogue und #WeRemember teil

 

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