Sie sind hier

"Der Tag der weißen Bänder" - Gedanken zum Freitag

12.06.2020

Bismillah

„Der Tag der weißen Bänder“ – Gedanke zum Freitag

- von Kaan Orhon - Präsident des RAMSA e.V.

Dieser Text hätte vor einer Woche erscheinen sollen, dem ersten Freitag nach dem 31. Mai.
Aufgrund des unerwarteten Verlustes unseres geliebten Freundes und Bruders Elhakam Sukhni erscheint er nun eine Woche später. Ich widme ihm diesen Text. In Fragen von Recht und Unrecht, beim Erheben der Stimme gegen Rassismus, Hass und Menschenfeindlichkeit war er stets unter den Vorangehenden.

Die Gedanken zum Freitag erscheinen in wechselnder Regelmäßigkeit schon seit vielen Jahren. Bestimmte Themen, die in der Arbeit des RAMSA oder für mich persönlich eine hervorgehobene Bedeutung haben, wurden im Laufe der Zeit immer wieder aufgegriffen. Dazu gehört beispielsweise der Massenmord von Srebrenica im Jahre 1995.

Wer der Arbeit des RAMSA länger folgt, weiß, dass wir jahrelang deutschlandweit über die muslimischen Hochschulgruppen an dieses Verbrechen erinnert haben: durch Plakat- oder Fotoausstellungen, Filmvorführungen, Vorträge oder andere Aktionen- allein oder in Zusammenarbeit mit bosnischen Moscheen und Vereinen, anderen religiösen Gruppen oder Menschenrechtsorganisationen.

Das ist einerseits verständlich: Das Massaker in Srebrenica ist das schlimmste Kriegsverbrechen in Europa seit 1945. Es ist eine offene Wunde für viele Menschen in Bosnien-Herzegowina und auch in der großen Gemeinschaft von bosnischen Muslimen in Deutschland, denn noch immer – in diesem Juli sind es 25 Jahre – gibt es keine Heilung. Noch immer sind nicht alle Täter juristisch zur Verantwortung gezogen, noch immer sind nicht alle Ermordeten geborgen, identifiziert oder beigesetzt worden und noch immer wird der Völkermord von vielen geleugnet, auch in Deutschland.

Es ist aber wichtig in der Erinnerung an Srebrenica nicht zu vergessen, dass es sich bei diesem Verbrechen nicht um ein singuläres, unerwartetes und unerklärliches Ereignis handelt. Vielmehr stellt es den grausigen Höhepunkt eines organisierten Programmes zur Vernichtung und Ausrottung von Menschen dar, dass schon mit den ersten Tagen des Krieges in Bosnien-Herzegowina begann und dessen Wurzeln noch weiter zurück reichen und aus denen wir auch heute in Deutschland Lehren ziehen sollten.

Darum wollte ich mit diesem Text an ein anderes Datum erinnern, dass für viele Menschen in und aus Bosnien ebenfalls eine große Bedeutung hat, aber außerhalb, etwa hier in Deutschland, wenig bekannt ist.

Am 31. Mai 1992 erließen die bosnisch-serbischen Autoritäten in der nordwestbosnischen Stadt Prijedor eine Anordnung, wonach „Nicht-Serben“, also die bosniakischen Muslime wie auch Kroaten ihre Häuser durch weiße Tücher kenntlich machen müssen und sich selbst durch weiße Armbinden identifizieren müssen, wenn sie das Haus verließen. Im Andenken daran tragen seit Jahren Menschen in Bosnien und anderswo am 31. Mai weiße Armbänder, um die Erinnerung an diesen Tag und seine Folgen wach zu halten.

Denn es war diese physische Kennzeichnung der „Anderen“ die den Prozess einleitete, der in die Massengräber von Srebrenica führte, in die Konzentrationslager Omarska und Keraterm, an die ungezählten anderen Orte des Todes in Bosnien-Herzegowina in den folgenden Jahren bis 1995.

Aber noch vor dem Tag der weißen Bänder und vor dem Morden von Srebrenica gab es bereits  die Reden von der „Verteidigung des Abendlandes“, von der drohenden „Islamisierung“ des Balkans und von der kommenden Zeit der „Rache an den Türken“. Die Reden, die heute auch in Deutschland zu hören sind.

Die Täter von Srebrenica wurden nicht über Nacht zu Mördern. Kaum ein Täter in der unendlichen Reihe von Verbrechen in der Geschichte wurde über Nacht zum Mörder. Aber, wie die deutsche Bürgerrechtlerin Bärbel Bohley mit Bezug auf den Völkermord in Bosnien sagte, Zivilisation ist nur eine dünne Haut, die jederzeit zerreißen kann. Und Rassisten, Extremisten und Hetzer verschiedenster ideologischer Herkunft reißen und schneiden auch heute in Deutschland unablässig an dieser dünnen Haut.

Es ist daher die Aufgabe jedes und jeder Einzelnen zu verhindern, dass sie zerreißt und die bestehenden Wunden darin zu heilen.  Es ist eine Anstrengung die niemals endet, und die wir auch an kommende Generationen weitergeben müssen. Vor den weißen Bändern von Prijedor gab es den gelben Stern der Schoah, danach kamen das ن und das ر an den Häusern von Mosul und so viele andere Brandmarkungen dazwischen. Das Ende war stets das Gleiche.

In der Zukunft werden andere Zeichen kommen, andere Wege „die Anderen“ zu kennzeichnen, als fremd, anders, oder gar weniger wert. Es werden andere Demagogen kommen, und wenn man diesen nicht entschlossen entgegen tritt, dann folgen ihnen andere Mörder.

Es macht Mut zu sehen, dass sich den meisten rassistischen Aufmärschen und Kundgebungen weitaus größere Gegendemonstrationen entgegen stellen und etwa nach den Morden von Hanau oder in diesen Tagen unter dem Banner von BlackLivesMatter Tausende von Menschen auf Straßen und Plätzen ihre Stimme gegen Hass und Gewalt erheben.

Doch es braucht nur ein kurzes Nachlassen der Wachsamkeit damit das Gift der Menschenfeindlichkeit sich wieder sammelt und seine Wirkung entfalten kann. Keine Gesellschaft, keine Gemeinschaft ist dagegen immun.

In diesem Sinne wünscht Euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.