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Weg zwischen den Extremen
Bismillah
Gedanke zum Freitag
Heute von: Kaan Orhon, RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen
Der Gesandte Allahs – Segen und Frieden auf ihm – sagte:
„Wer von euch etwas Übles sieht, soll es mit eigener Hand ändern, und wenn er dies nicht vermag, so soll er es mit seiner Zunge verändern, und wenn er dies nicht kann, dann mit seinem Herzen, und dies ist die schwächste Form des Glaubens." (Muslim)
Wer sich durch das Leben bewegt, ohne Augen und Ohren zu verschließen, wird unablässig konfrontiert mit Ungerechtigkeit und Not in allen erdenklichen Formen. Die Probleme unserer Gesellschaft und unserer Mitmenschen können wir jeden Tag um uns herum sehen, das Leid der ganzen Welt transportieren Medien täglich in unsere Wohnungen. Wie aber damit umgehen?
Die Masse der Probleme ist überwältigend, und auch wenn wir es wollen, wir können sie nicht alle lösen. Die Menschen sind unvollkommen und so ist es auch die Welt die sie bewohnen, und wer die Absicht hat, dies zu ändern, der muss scheitern. Doch es ist auch nicht angebracht, sich aus der Welt zurückzuziehen und sie nur apathisch zu betrachten. Unterdrückung und Ausbeutung, Armut, Krankheit und Hunger sind keine Gottgegebenen Elemente eines „irdischen Jammertales“, dass wir in Erwartung des besseren Jenseits so nehmen müssen, wie sie sind. Sie können und müssen bekämpft werden.
Der Islam weist den Weg zwischen den Extremen: sich selbst und die eigenen Möglichkeiten realistisch einschätzen, nicht zu viel von sich und anderen Erwarten, um dann entmutigt aufzugeben, aber die Grenzen der eigenen Kraft nicht als Vorwand nutzen, um nichts zu tun, sondern im Rahmen der eigenen Fähigkeiten beginnen, etwas zu verändern und sich mit anderen zusammenschließen, um mehr zu bewirken.
Welche Angelegenheit, welchen Ort und welche Aktivität man sich dabei aussucht, ist zweitrangig. Entscheidend sind die aufrichtige Absicht und das Vertrauen darauf, dass unser Herr, der uns aufgetragen hat, die Welt zum Besseren zu verändern, uns beisteht und uns keine Aufgabe aufbürdet, die wir nicht tragen können.
Dabei ist es entscheidend, uns dieses mindeste an Glauben zu bewahren: die Übel der Welt wahrzunehmen, und etwas dabei zu empfinden, den Anstoß für die Veränderung im Herzen. Weder dürfen wir uns durch die Flut an schlechten Nachrichten abstumpfen lassen, noch sollen uns andere Angelegenheiten von dieser elementaren Aufgabe ablenken.
Beobachtet man den Diskurs und die Aktivitäten muslimischer Organisationen in unserem Land, so stellt sich manchmal das Gefühl ein, es wäre unser wichtigstes Anliegen, eine wie auch immer geartete gesellschaftliche Anerkennung zu erlangen. Doch wem es am wichtigsten ist, in der Gesellschaft anerkannt zu sein, der verliert schnell den Impuls, ihr den Spiegel vorzuhalten und unbequeme Wahrheiten auszusprechen.
Wir müssen bei jedem Problem an vorderster Front sein, und nach unseren Kräften dafür arbeiten, die Welt für alle zu verbessern, müssen als Muslime darin sichtbar sein und untereinander wie auch mit Menschen anderen Glaubens im Guten wetteifern.
Über die im gesellschaftlichen Diskurs als „islamisch“ deklarierten Themen hinaus, müssen wir in Bereichen von sozialer Gerechtigkeit bis Umweltschutz unsere Stimme zu Gehör bringen und uns einsetzen, denn in Wahrheit sind alle Themen die mit einer gerechteren Welt zu tun haben, islamische Themen.
Möge Allah der Erhabene uns die Kraft geben, die Welt mit unseren Taten und Worten besser zu machen!
In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.





