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Gedanken zu den Ereignissen in und über Burma

31.07.2012
Erst nachdenken, dann "liken"
 
Die Reaktion vieler Muslime auf die Gewalt gegen die Rohingya in Burma in sozialen Netzwerken ähnelt bedenklich dem zu Recht kritisierten Hype um „Kony2012“.
 
Seit Mitte Juni erlebt die muslimische Minderheit der Rohingya in Burma eine Welle der Gewalt. Konflikte zwischen der seit langer Zeit massiv diskriminierten Minderheit der Rohingya und der mehrheitlich buddhistischen Volksgruppe der Rakhine in der nach letzteren benannten burmesischen Provinz sind nichts Neues. Doch die jüngsten Zusammenstöße waren die heftigsten seit langer Zeit. Dutzende Menschen wurden getötet, über 2.500 Wohnhäuser niedergebrannt. Am 10. Juni wurde in Rakhine der Notstand ausgerufen und die Zahl der Sicherheitskräfte stark erhöht. Dies führte jedoch nicht zu einer Verbesserung der Lage – was auch nicht zu erwarten war. Die Militärregierung Burmas und ihr halb-ziviler Nachfolger stehen den Rohingya offen feindselig gegenüber; neben einem ganzen Katalog diskriminierender Gesetze, die der muslimischen Minderheit grundlegende Menschen- und Bürgerrechte verwehren, sind es eben die Sicherheitskräfte, Armee, Polizei und staatliche Milizen, die seit 1978 mit Gewalt gegen sie vorgehen. Hunderttausende Rohingya haben seit dieser Zeit ihre Heimat verlassen müssen, die meisten flohen in das benachbarte Bangladesh.

So weit, so schlimm.

Die Ereignisse in Burma haben überall auf der Welt, vor allem unter Muslimen, Trauer und Wut ausgelöst. Eine lautstarke Minderheit hat dabei dieser verständlichen Reaktion eine unerfreuliche und potenziell sehr schädliche Dynamik gegeben. Auf sozialen Netzwerken wie facebook kursieren etliche Bilder, die vorgeblich die Opfer der Gewalt in Burma zeigen. Menschen die von Sicherheitskräften misshandelt werden, ein brennender Mann, der die Straße entlang läuft und immer wieder Berge von Leichen. Damit einhergehend Bildunterschriften „Massaker der Buddhisten an den Muslimen in Burma“. Sehr schnell jedoch wurden die meisten dieser Bilder als Fälschungen entlarvt. Als einer der Ersten stellte ein pakistanischer Blogger namens Faraz Ahmad am 14. Juli eine ganze Reihe manipulierter Bilder öffentlich vor. Doch neben Anerkennung erntete er auch zahllose Kommentare, die ihn scharf angriffen: anstatt sich darüber Gedanken zu machen, ob Bilder echt oder falsch seien, solle er sich lieber für die Muslime in Burma einsetzen. Die gefälschten Bilder werden unterdessen weiter massiv vor allem auf facebook verbreitet, und auch dort diejenigen, die auf die Manipulation hinweisen, persönlich angegriffen, beleidigt und zum „Verräter“ an den Muslimen gestempelt. Das gilt auch für die Opferzahlen, die mit den Bildern verbreitet werden: über 20.000 Tote habe es bereits gegeben. Sicher bestätigen können die meisten internationalen Organisationen nur 80-100. Die Exilorganisation der Rohingya in Großbritannien (BROUK) spricht von über 650 Toten, die türkische Hilfsorganisation IHH von 1.000 bis 1.500. Wie bei den Bildern gilt auch bei den Opferzahlen im Internet: Fakten sind unnötig, wenn das Anliegen berechtigt ist, und Nachfragen bedeutet Verrat an den Opfern: Wer nicht für uns ist, ist gegen uns.

In vielem ähnelt die Internet-Kampagne um die Rohingya dem im März kurzfristig populär gewordenen Lobby-Video „KONY2012“. Wie dort wird gerade ein berechtigtes Anliegen mit einem Konstrukt aus Halbwahrheiten, Auslassungen und platten Manipulationen umgeben, um es aus der Sicht der Urheber medial attraktiver zu machen. Und alle, die das Ergebnis nicht einfach schlucken wollen, sondern sich erdreisten, es zu hinterfragen, werden zum Feind: „Wer das nicht teilt, hat kein Herz.“ Auch damals hieß es mit Bezug auf Jason Russel, dem Verantwortlichen von „KONY2012“, anstatt seine Motive in Frage zu stellen, solle man lieber den armen Kindern in Uganda helfen. Letztlich setzten sich aber bei vielen Menschen die Zweifel durch; nach einem kometenhaften Aufstieg, blieb der Kampagne der erhoffte PR-Erfolg versagt. Zu fragwürdig waren Methoden, Arbeitsweise und Interessen von Russel und seiner Organisation.

Auch im Falle der Rohingya muss die Frage erlaubt sein, was diejenigen bezwecken, die ihre Kampagne mit Täuschung und Fehlinformationen führen. Diese Frage ist insofern schwieriger zu beantworten, als die Urheber vielfach unbekannt sind. Relativ eindeutig ist nur der Versuch der iranischen Regierung, sich nach dem monatelangen aktiven Unterstützen des Blutbades in Syrien wieder als Verteidiger der Muslime aufzuspielen. Offenkundig sind bei besagten Bildern und den begleitenden Texten in jedem Fall zwei Dinge:

1) Gerade Muslime, die seit Jahren immer wieder genötigt sind, zu betonen, dass die Gewaltakte die angeblich oder tatsächlich im Namen des Islam verübt werden, weder der Religion noch der Gesamtheit, oder auch nur der Mehrheit der Muslime angelastet werden können, sollten bemerken, dass keine Gelegenheit ausgelassen wird, zu betonen, dass die Mörder gläubige Buddhisten seien: „In den westlichen Medien wird der Buddhismus immer als eine friedliche Religion dargestellt, dabei töten die Buddhisten die Muslime ohne Gnade.“

2) Die fortwährende Klage, dass „die westlichen Medien“ die Verbrechen an den Rohingya bewusst ignorieren und verschweigen, weil die Opfer Muslime sind. Tatsache ist natürlich, dass obwohl internationale Menschenrechts- und Hilfsorganisationen – muslimische und nichtmuslimische – seit Jahren, z.T. seit Jahrzehnten über das Schicksal der Rohingya informieren und es auch Exilorganisationen von Rohingya in mehreren Ländern gibt, die das ebenfalls tun, die gegenwärtige Kampagne erst zum Laufen kam, als überall auf der Welt, auch in europäischen Ländern und den USA, im Fernsehen und in Zeitungen wiederholt über die Unruhen berichtet worden war.

Ferner zu bemerken ist das auffällige Fehlen von Links etwa zu Aktionen ebensolcher Organisationen, die sich vor Ort für die Flüchtlinge einsetzen oder sonstiger konstruktiver Handlungsansätze. Statt dessen immer neue Bilder von Gräueltaten… es liegt nicht fern anzunehmen, dass einige wenige Personen in den Ereignissen einen willkommenen Vorwand sehen, beliebte Feindbilder aus- und neue aufzubauen und dass nicht Hilfe für die Rohingya, sondern das Schüren von Hass gegen vermeintlich Verantwortliche das Ziel derjenigen war, die diese Bilder produzierten und dann darauf vertrauten, dass sie von Menschen mit besseren Absichten unwissend weiter verbreitet werden.

Es ist unschwer nachzuvollziehen, dass dieser Text mit dem Aufruf endet, besagte Bilder nicht weiter zu verbreiten (bzw. vor dem Verbreiten von Bildern genau zu hinterfragen, woher diese stammen) und Freunde und Bekannte auf den Sachverhalt hinzuweisen. Sie widersprechen  nicht nur fundamental der islamischen Ethik, die unmoralische Handlungen auch dann untersagt, wenn sie einem moralischen Ziel dienen, sondern fügt auch den Opfern noch weiteren Schaden zu, da, wenn die Manipulationen auffliegen – was sie letztlich immer tun – die Glaubwürdigkeit der Berichte über das ihnen tatsächlich zugefügte Leid und Unrecht schwindet.

Darüber hinaus ist es aber auch ein Aufruf, sich eingehender mit dem schon seit sehr langer Zeit währenden Leiden der Rohingya und auch der anderen ethnischen und religiösen Minderheiten in Burma zu beschäftigen und im Rahmen der eigenen Möglichkeiten aktiv zu werden, am besten durch eine der Organisationen, die über lange Jahre Erfahrungen vor Ort gesammelt haben.

Von: Kaan Orhon (näheres zu seiner Person)

Quellen:

1) http://farazahmed.com/muslims-killing-in-burma-and-our-social-media-islamic-parties-1010.aspx

2) http://www.gfbv.de/volk.php?id=419

3) http://www.hrw.org/burma

4) http://www.islamicrelief.de/meldungen/myanmar-islamic-relief-ruft-zum-beenden-der-kaempfe-auf/