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"Dazu gehören"

Von: Kaan Orhon
06.11.2015   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Gedanke zum Freitag:
Heute von Kaan Orhon, RAMSA-Vizepräsident und Islamwissenschaftler aus Göttingen

Ibn Abbas – möge Allah Wohlgefallen an ihm haben - berichtete:
Der Gesandte Allahs - Segen und Frieden auf ihm - sagte:

“Wer sich nicht der Kleinen erbarmt, den Alten nicht Achtung schenkt, zum Guten nicht auffordert und nicht das Übel verwehrt, gehört nicht zu uns.”
(Tirmidhi, Ahmad Ibn Hanbal)

Je mehr sich das Jahr dem Ende zuneigt, die Nächte länger und die Temperaturen strenger werden, desto mehr rufen Menschen aller Orten und auf allen Wegen dazu auf, den Schwächsten in der Gesellschaft beizustehen. Zu Recht. Rufen auch wir dazu auf und noch wichtiger, verschließen wir unser Ohr nicht vor den Rufen.

Das wird durch die Ankunft zehntausender Menschen, die durch Krieg und Gewalt ihre Heimat, all ihre Habe und ihre Sicherheit verloren haben, ändert nur die Quantität aber nicht die Qualität, also die Bedeutung dieser Aufgabe. Auch für alle anderen Schutz- und Hilfsbedürftigen ist uns als Mitmenschen und als Muslime Verantwortung auferlegt. Nicht erst jetzt gibt es Menschen, darunter viele Kinder und ältere Menschen, die in unserem Land in Armut leben. Es gibt viel zu viele Menschen um uns herum, für die weder drei Mahlzeiten am Tag noch Wärme im Winter selbstverständlich sind. Und obwohl sie um uns herum sind, schaffen wir es zu oft, sie nicht zu sehen.

Schon oft habe ich im Kontext der Agitation gegen geflüchtete Menschen folgende Entgegnung gehört oder gelesen: „Viele von denen, die jetzt gegen die Flüchtlinge hetzen und sagen, man solle sich zuerst um die „eigenen“ Armen, Obdachlosen, Kinder und Rentner kümmern, haben selber noch nie etwas für diese getan.“
Das ist richtig, aber wie in den meisten Fällen hat diese Medaille zwei Seiten:
Wie viele von denen, die jetzt mit großem Einsatz den Geflüchteten helfen, haben vorher ebenso die Not in Armut lebender, wohnungsloser oder anderweitig hilfsbedürftiger Menschen gesehen? Und wenn die Situation sich verändert, die „Krise“ bewältigt ist, wie viel von dieser Hilfsanstrengung wird noch bleiben? Diese Fragen müssen sich alle Menschen stellen.
Und als Muslim in einem muslimischen Forum an eine mehrheitlich muslimische Leserschaft – wie viel Unterschied macht es aus, dass die große Mehrheit der jetzt aus Syrien, Afghanistan, dem Irak, Somalia, Eritrea und auch vom Westbalkan zu uns fliehenden Menschen Muslime sind, viele Hilfsbedürftige die schon lange um uns herum sind, aber nicht?

Uns verbindet der Glaube natürlich mit anderen Muslimen überall auf der Welt, aber er bindet uns ebenso an den Ort, an dem wir Leben und seine Menschen, und unter diesen wiederum an einige ganz besonders, etwa den Nachbarn oder eben die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft. Es darf in der Hilfe für den Bedürftigen ebenso wenig eine unterschiedliche Wertigkeit geben wie bei der Rettung eines Ertrinkenden.

Neben der Hilfe noch ein Gedanke zur Achtung, vor älteren Menschen, aber auch insgesamt: Hilfe ist nötig, seit jeher und ganz besonders jetzt. Aber ganz gleich ob es sich um jemanden handelt, der vor kurzem geflüchtet ist und nun all dessen beraubt, was er bisher erreicht hat, unsere Hilfe braucht, oder um jemanden, der seit Jahren neben uns wohnt und durch welche Umstände auch immer in Not geraten ist – vergessen wir bei der materiellen Hilfe nicht ihr Recht auf Würde. Hilfe ist ein Dienst am Mitmenschen, nicht an uns selbst und derjenige, dem wir helfen, ist uns gleich und kein Objekt, durch welches wir uns selbst aufwerten und auf das wir in selbstgerechter Gönnerhaftigkeit herabsehen. Wahre Hilfe erfolgt in dem Bewusstsein, dass es nur eines wenigen bedürfte, und unsere Rollen könnten vertauscht sein.
Wahre Hilfe lässt den, dem Geholfen wird, nicht mit dem Gefühl einer Schuld zurück. Wahre Hilfe erfolgt in dem Bestreben, die Situation, die uns trennt, zu überwinden und verliert nie aus den Augen, dass der Helfende und der dem Geholfen wird zusammen gehören. Zu dieser Gesellschaft und zur Menschheit.

Zum Schluss wieder zurück zu der Überlieferung vom Anfang: wir erklären unsere Liebe und Verbundenheit zum Gesandten Allahs – Segen und Frieden auf ihm – und fühlen uns berufen, ihn zu verteidigen, wenn kranke Geister ihn herabzuwürdigen suchen. Was dann, wenn wir uns aber gleichzeitig durch unsere Gleichgültigkeit im Angesicht der Not aus der liebenden Gemeinschaft des Propheten (s) selbst ausschließen. Wenn wir durch den Mangel an Erbarmen, durch das Verweigern der zustehenden Achtung vor unseren Mitmenschen selbst das Band zerschneiden, dass uns mit ihm verbindet?

Wir sind alle, ausnahmslos, bedürftig auf die ein- oder andere Weise.
Und wenn wir die Hilfeleistung verweigern, wo sie gebraucht wird, und wenn es nur einem Menschen ist, dann berauben wir uns selbst des Segens und der Barmherzigkeit, der wir bedürfen, und dann erleben wir, egal wie viel wir nach materiellen Maßstäben besitzen, große Armut und Not.

Ya Rahman, lindere die Not der Bedürftigen, schütze die Schwachen, segne die Helfenden und belohne sie reich für ihre Werke und schenke uns allen Deine Barmherzigkeit.

In diesem Sinne wünscht euch der Vorstand des RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.