Sie sind hier

Gedanke zum Freitag - "Systemrelevant"

25.09.2020   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah 

„Systemrelevant“ – Gedanke zum Freitag

Der Gesandte Allahs – Segen und Frieden auf sagte:

„Wer den Menschen nicht dankt, der dankt Allah nicht.“ (Tirmidhi)

In verhältnismäßig kurzer Zeit hat die Coronavirus-Pandemie viele, zum Teil einschneidende Veränderungen im Leben der Menschen in vielen Teilen der Welt mit sich gebracht. Die meisten sind negativ oder werden so empfunden, vor allem im Sinne vielfacher Einschränkungen des vertrauten Alltagslebens. 

Andere Dinge werden als positiv wahrgenommen. Einige sind messbar wie beispielsweise die Abnahme von Schadstoffen in der Luft durch weniger Verkehr oder die Rückkehr von Tieren in zuvor aufgegebene Lebensräume. Andere sind ideell wie mehr nachbarschaftliche Solidarität  oder die Wertschätzung bestimmter Berufsgruppen.

In besonderem Maße traf dies zum Beispiel auf medizinisches Personal zu, auf Ärztinnen und Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger. Anerkennung, Dank oder Solidarität wurde von führenden Politikern des Landes ebenso bekundet wie von Privatpersonen, schriftlich, verbal oder durch Aktionen wie etwa das kollektive Applaudieren auf Balkonen zu einer verabredeten Zeit.

Vor allem über derartige Aktionen wurde in der Folge allerdings auch gesagt, sie seien nicht wirklich eine Hilfe für die betroffenen Personen bzw. Berufsgruppen und anstatt lediglich zu applaudieren, sollten lieber Löhne angehoben und Arbeitsbedingungen verbessert werden. 

Diese Forderung ist berechtigt, aber sie bedeutet nicht, dass derartige Gesten keinen Wert haben. Im Sinne der Überlieferung zu Beginn des Textes: wer anderen etwas Gutes tut, und sei es auch dass er oder sie „nur“ seine/ihre Arbeit macht, dem gebührt Dank und dieser Dank, der natürlich aufrichtig sein muss, ist gleichsam ein Akt des Gottesdienstes.

Der Aspekt, um den es mir primär geht ist aber ein anderer – denn der Dank, die Wertschätzung, ganz zu schweigen von einer spürbaren Verbesserung der Gehalts- und Arbeitsbedingungen haben auch in der Pandemie nicht alle Personengruppen erreicht, denen sie zustehen würden.

Neben medizinischem Personal wurden etwa MitarbeiterInnen im Supermarkt oder Angestellte von Kindertagesstätten in den Fokus genommen und erhielten zurecht das Etikett „Systemrelevant“. 

Aber vielen anderen Menschen, die ebenfalls unverzichtbaren, aber dabei geringgeschätzten und nicht offensichtlich mit der „Corona-Krise“ zusammenhängenden Tätigkeiten nachgehen, blieben bei dieser Ehrung und Wertschätzung außen vor -beispielsweise Reinigungskräfte. Während in Krankenhäusern gegen das Virus gekämpft wurde, wurden diese natürlich weiter und sogar in besonderem Maße geputzt. Genauso wurden auch Bürogebäude, andere Einrichtungen oder einfach die Straßen einer jeden Stadt weiterhin gereinigt. Unser Müll wurde weiter weggeräumt, all die Hinterlassenschaften der Millionen Dinge, die Menschen im Internet bestellt haben, um sich die Langeweile zu Hause zu vertreiben, wurden weiterhin beseitigt. Die Kanalisation wurde weiter gereinigt. Unpopuläre Beschäftigungen die viele Menschen im Alltag nicht wahrnehmen, nicht in der Pandemie und auch nicht davor oder danach.

Zynisch gesprochen könnte man sagen: mit Applaus für die Müllabfuhr oder für Reinigungskräfte ist auch jetzt nicht zu rechnen, und immer weniger je mehr sich unser Alltag normalisiert. Dabei würde unsere Gesellschaft bei plötzlicher Abwesenheit dieser ebenfalls essentiellen Berufe schnell an den Rand des Zusammenbruches kommen.

Und das gilt nicht nur für Deutschland und Europa. 

Die saudi-arabische Künstlerin Nabila Abuljadayel schuf im Höhepunkt des Lockdowns ein in seiner Einfachheit gewaltiges Gemälde, dass einen Mitarbeiter der Reinigungskräfte der großen Moschee in Mekka in dem geisterhaft leeren Areal betend zeigt, neben sich lediglich sein Arbeitsgerät und eine Taube. Die Moschee war geschlossen, die Umra, die viele Menschen gerne während des Ramadan vollziehen, war unmöglich und auch die Hajj hat in diesem Jahr nur in minimalster Form stattfinden können.

Am heiligsten aller Orte, an dem nun sogar Könige, Prinzen, Präsidenten, Minister, Generale, Gelehrte, Wirtschaftsgrößen und Prominente nicht mehr zu gelangen vermögen, haben allein die Reinigungskräfte nun Zugang. Nur sie beten vor dem Haus Ibrahims – Friede auf ihm – und dem schwarzen Stein.
Allah der Erhabene erhebt von Seinen Dienern, wen Er wünscht. 

Es bleibt nur zu hoffen, in unserem eigenen Interesse, dass wir aus dieser in höchstem Maße symbolträchtigen Situation Lehren ziehen und Mitmenschen, die diese so unverzichtbare Tätigkeit ausüben, in Zukunft anders sehen und ihnen mit einem neuen Respekt begegnen. 

Und zwar sowohl In der unverletzlichen Moschee, wenn sich die Zeiten gewandelt haben und uns das Geschenk des Pilgerns zurückgegeben wird als auch morgen in unserem eigenen Haus, Büro oder auf der Straße.

In diesem Sinne wünscht Euch der RAMSA einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.