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Hass und Sprache - Gedanken zu Freitag

15.05.2020   |   In: Gedanken zum Freitag

Bismillah

Hass und Sprache - Gedanke zum Freitag

Allah der Erhabene sagt in Seinem Buch in der sinngemäßen Übersetzung:

„O ihr, die ihr glaubt, die einen sollen nicht über die anderen spotten, vielleicht sind eben diese besser als sie. Auch sollen nicht Frauen über andere Frauen (spotten), vielleicht sind eben diese besser als sie. Und beleidigt euch nicht gegenseitig durch Gesten und gebt euch nicht gegenseitig hässliche Namen.“   ((al-Hugurat:11))

Die Botschaft, die unser barmherziger Schöpfer uns durch unseren geliebten Propheten – Allahs Segen und Frieden auf ihm - überbringen ließ und mit der Er die Botschaften vorangegangener Propheten – Allahs Frieden auf ihnen allen und wir machen keinen Unterschied zwischen ihnen –   bekräftigte und erneuerte, wendet sich an alle Menschen und das zu allen Zeiten.

Für die Menschen, die am Leben waren, als der obige und die anderen Verse offenbart wurden, und für jeden Menschen, der heute vor dem Computer sitzt und dies liest gleichermaßen enthält die Botschaft des Islam Verheißung, Mahnung und Inspiration. Es wird an jeden Menschen individuell appelliert, den höchsten und edelsten Regungen seiner Natur entsprechend zu handeln und die Welt für sich selbst und für andere besser zu machen.

Dies betrifft jeden Bereich des menschlichen Lebens und vor allem die Räume in denen Menschen miteinander interagieren. In der Zeit in der wir leben, gehört das Internet selbstverständlich dazu. Der Start der RAMSA Kooperationsrojektes „BeInterNett“ letzten Sonntag soll Anlass sein, dies näher zu betrachten.

Wer den Vers am Anfang liest, erkennt vielleicht das wieder, was heute englisch mit dem Begriff „Hate Speech“ bezeichnet wird. Die Menschen haben sich seit den Tagen der Offenbarung nicht geändert. Die Technologie, die Medien des Austausches haben sich weiterentwickelt, aber die Menschen bleiben in ihrem Wesen unverändert.

Wenn überhaupt begünstigt größere Anonymität die negativeren Regungen der Seele. Wenn Menschen glauben, keine Konsequenzen fürchten zu müssen, sinkt die Hemmschwelle - für Spott, für Beleidigung, für Bedrohung, für Hass…

Das man sich als gläubiger Mensch an solchem nicht beteiligen sollte, liegt auf der Hand. Wir wissen, was unserem Herrn wohlgefällig ist und was Er verabscheut. Wir haben in den Propheten und Gefährten großartige Beispiele für rechtschaffenes und menschliches Handeln. Und wir wissen, dass die Idee, Anonymität im Internet bedeute, keine Sanktionen fürchten zu müssen, ein Irrglaube ist.

Unser Schöpfer ist dessen kundig, was wir tun, und nichts, was wir tun, sagen, schreiben oder denken, Gutes oder Böses, geht verloren.

Wie heißt es in der Sure al-Kahf:

„Und das Buch wird hingelegt. Dann siehst du die Übeltäter besorgt wegen dessen, was darin steht. Sie sagen: ‚O wehe uns! Was ist mit diesem Buch? Es läßt nichts aus, weder klein noch groß, ohne es zu erfassen.‘ Sie finden (alles), was sie taten, gegenwärtig, und dein Herr tut niemandem Unrecht.“ ((18:49))

Wir sind aufgefordert, unsere negativen Emotionen und Gedanken zu beherrschen und ihnen auch in vermeintlicher Anonymität und auch in Momenten größter Aufregung nicht freien Lauf zu lassen. Auch dann nicht, wenn es menschlich verständlich wäre.

Wenn wir über Hass im Netz, über Sprache als Mittel zum Verbreiten von Hass nachdenken, sowohl auf Deutschland bezogen als auch darüber hinaus, dann ist der Islam, sind muslimische Menschen neben vielen anderen Gruppen ein wesentliches Ziel. Jeder oberflächliche Blick in „soziale“ Netzwerke oder in Kommentarspalten von Zeitungen bestätigt dies immer wieder aufs Neue.

Ich habe es vor kurzem in dieser Reihe am Rande thematisiert in Bezug auf rassistische Verschwörungsphantasien zum Themenkomplex Coronavirus/ Kontaktbeschränkungen/ Beginn des Ramadan. Einige Minuten Twitter zu dem Thema genügen, um Missmut zu erzeugen, aus dem schnell Zorn erwächst.

Hass verletzt. Wer mit grundloser Feindseligkeit und Rassismus konfrontiert wird, für den liegt es nahe, mit gleicher Münze zurück zu zahlen.

Unser Herr allerdings weist uns einen anderen Weg:

„Die Diener des Allerbarmers sind diejenigen, die maßvoll auf der Erde umhergehen und die, wenn die Unwissenden sie ansprechen, sagen: ‚Frieden!‘ “ ((al-Furqan:63))

„Wehre die schlechte Tat mit einer Tat ab, die besser ist, dann wird derjenige, zwischen dem und dir Hass war, so, als wäre er ein warmherziger Freund.“ ((Fussilat:34))

Das ist der Weg. Selbst wenn es uns schwerfällt, selbst wenn das angegriffen wird, was uns am wichtigsten ist.

Allein, mit der Selbstkontrolle ist es nicht getan. Uns selbst zu beherrschen ist nur der erste Schritt. Unser Ziel muss sein, im Internet wie in jedem anderen Raum menschlicher Beziehung, dazu beizutragen, dass es für alle Menschen sicher ist.

Das heißt, unsere Stimme auch dann zu erheben, wenn wir nicht direkt beteiligt sind, wenn nicht wir als Individuum oder Teil einer Gruppe, der wir uns zugehörig fühlen, angegriffen werden. Menschen, denen Hass entgegenschlägt, die durch Angriffe aus virtuellen oder anderen öffentlichen Räumen heraus gedrängt werden sollen, bis sie unsichtbar sind, gilt es Beistand zu leisten.

Und es gilt, Täter zu benennen und Vorfälle bei relevanten Stellen zu melden. Denn – und dies wird bedauerlicherweise oft missverstanden – sich selbst beherrschen, sich nicht darauf einlassen, Hass mit gleicher Münze zurück zu zahlen, bedeutet eben nicht, zu schweigen und im Angesicht dessen passiv zu bleiben.

Es bedeutet viel mehr, auf eine Art zu reagieren, die gleichermaßen sinnvoll und anständig ist. Im Gegenteil müssen wir, wenn wir für die Problematik von Hass und Menschenfeindlichkeit im Netz und außerhalb sensibilisiert sind, noch viel öfter und lauter die Stimme erheben.

Sprache ist unglaublich wertvoll. Unser Schöpfer hat sie uns geschenkt, sie uns gelehrt, wie Er es in Sura Rahman sagt. Benutzen wir dieses Geschenk weise und zum Wohle aller.

In diesem Sinne wünscht Euch der RAMSA weiterhin einen segensreichen Ramadan, einen gesegneten Freitag und ein schönes Wochenende.

Kaan Orhon – Präsident des RAMSA e.V.

Mehr zum Projekt BeInterNett unter www.beinternett.de

Anhang: