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Zeitlose Zeit

20.02.2012   |   In: Stimmen

Wir kennen sie alle. Die Sätze, die ungefähr so lauten: „Ich habe leider keine Zeit“ oder „Wie schnell doch die Zeit vergeht“. Doch warum haben wir das Gefühl, dass die Zeit so schnell an uns vorbeirast? Was hat sich in den letzten Jahrzehnten geändert?

Der Schriftsteller Thornton Wilder meinte mal, dass man unter Fortschritt eher das Tempo versteht als die Richtung. Was genau hat es mit dem Fortschritt und dem Tempo auf sich? Bezogen auf unser Thema, müsste man sich denken, dass wir v.a. nach den vielen technischen Entwicklungen eigentlich mehr Zeit haben sollten. Schließlich brauchen sich Studierende – dank dem Personal Computer -  nicht mehr mit der Schreibmaschine zu quälen, weil sie einen Tippfehler in einem Wort gemacht haben und nun die komplette Seite nochmal abtippen müssen. Durch die Waschmaschine haben sich die Menschen mehrere Waschtage gespart und auf ein Telegramm braucht man auch nicht mehr ewig zu warten, weil es inzwischen sogar Smartphones gibt. Die Liste kann so ewig fortgeführt werden. Doch warum haben wir trotz dessen das Gefühl der Zeitknappheit?

Tatsächlich ist die Moderne durch Beschleunigung gekennzeichnet. Die moderne Gesellschaft ist eine Gesellschaft, die sich sehr schnell sowohl technisch als auch kulturell und sozial wandelt. Wir können zwar inzwischen mit Internet und Telefon viel schneller kommunizieren als mit Brief und Telegramm, jedoch müssen wir auch dementsprechend schnell reagieren. Zu beachten ist auch ein sehr wichtiger Aspekt, den Hartmut Rosa als „kapitalistische Verwertungslogik“ 1  bezeichnet. Um verstehen zu können, was dahinter steckt, muss man zunächst einmal den Begriff der  „Beschleunigung“ definieren. In den Naturwissenschaften ist Beschleunigung gleich „Mengenzunahme pro Zeiteinheit“. Die Menge kann der zurückgelegte Weg, die gearbeiteten Stunden, Anzahl der kommunizierten Zeichen etc. sein. Bei der kapitalistischen Verwertungslogik geht es darum, wer am schnellsten und am besten pro Zeiteinheit produziert – Gewinnmaximierung. Wenn man früher 100 Stifte in einer Woche produziert hat, kann man sie heute durch den technischen Fortschritt in zwei Tagen produzieren. Dies bedeutet nicht, dass man auch mehr produziert. Nach dem modernen Beschleunigungsprinzip jedoch muss man die restlichen Tage der Woche weiter produzieren, damit man den Gewinn maximieren kann. Für den Einzelnen kann das bedeuten, dass aufgrund der veränderten Möglichkeiten und daraus erwachsenen profitorientierten Zielsetzungen die Arbeitszeit nicht mehr endet, wenn die Uhr fünf schlägt. Überstunden werden zu einem Muss, eventuell wird die Arbeit mit nach Hause genommen und dies ist ein weiteres kennzeichnendes Merkmal der Spätmoderne, in der es keine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gibt.

Weitere Gründe für die Beschleunigung des Lebens sieht Rosa in der zunehmenden „Säkularisierung des Denkens“. Früher waren die Menschen religiöser und haben an Gott geglaubt. So haben sie für das Jenseits gelebt. Der Sinn war nicht innerhalb des Lebens, sondern außerhalb. In der heutigen Spätmoderne tritt die Diesseitsorientiertheit in den Vordergrund. Das Leben ist jetzt die letzte Gelegenheit, sodass man danach bestrebt ist, dies so intensiv, wie nur möglich zu erleben. Doch durch die Optionsvielfalt, wie man seine Zeit verbringen und im Leben alles erleben kann, entsteht das Gefühl der Zeitknappheit. Das Problem ist, dass man es niemals schaffen kann, alles im Leben ausschöpfend erlebt zu haben. Der stetige Fortschritt lässt dies nicht zu. Denn nach kurzer Zeit wird das, was man vor ein paar Jahren an Erfahrung gesammelt hat, sowieso überholt sein. Im Endeffekt bildet sich eine Psychologie, dass man nie stehen bleiben darf und sich mit dem zufrieden geben kann, was man erreicht hat. So entwickelt sich der Mensch zu einer „Integrationsmaschine“, die sich immer wieder an neue Entwicklungen und Fortschritte anpassen muss. Die Auswirkungen auf den Einzelnen sind u.a. psychische Zusammenbrüche und Depressionen. In den USA hat sich sogar eine psychische Krankheit entwickelt, die sich die „Eilkrankheit“ nennt, welche durch übermäßigen Stress verursacht wird. Die Personen, die es nicht schaffen sich zu  Integrationsmaschinen zu entwickeln, verlieren noch zudem die soziale Anerkennung und werden zu „Primat[en] der Zeitökonomie“ .2

Nun stellt sich die Frage, wann die Grenze der Beschleunigung erreicht ist. Die Antwort ist: Sie ist schon erreicht. Die Zuwachsrate an psychischen Erkrankungen, wie Depressionen und das Burn-out-Syndrom, steigt stetig und entwickelt sich zu einer Epidemie. Das Alter der an Depression erkrankten Menschen sinkt weiter auf das Kindesalter. So wie es Theodor W. Adorno prophezeit hat wird die Welt zum sinnleeren Funktionszusammenhang, wodurch die Menschen immer unglücklicher werden, weil sie sich auch u.a. mit nichts zufrieden geben können.

Wie das System Mensch individuell und als Kollektiv auf diese Entwicklungen reagieren wird, bleibt eine spannende Frage.

 

von: Feride Celik

 

1 Rosa, Hartmut 1999. Bewegung und Beharrung. Überlegungen zu einer sozialen Theorie der Beschleunigung.                                 Leviathan 27 (3), 386-415

2 Vgl. ebd.: 399